Zu wenig Gas für einen kalten Winter?
| von Redaktion
DEN HAAG · Die Niederlande werden ihr Ziel für die Gasreserven vor dem Winter nicht mehr erreichen. Die unterirdischen Speicher waren am 24. August nur zu rund 44 bis 45 Prozent gefüllt. Vorgesehen sind 115 Terawattstunden, entsprechend etwa 80 Prozent der Kapazität und ungefähr der Hälfte des niederländischen Jahresverbrauchs. Auch das niedrigere europäische Ziel von rund 74 Prozent gilt nach Einschätzung von Gasunie als kaum noch erreichbar. Für einen normalen Winter erwartet der Netzbetreiber dennoch keine Versorgungsprobleme. Kritisch wird die Lage vor allem bei außergewöhnlich starker Kälte oder gleichzeitigen Störungen der Gaszufuhr. Dann steigt nicht nur das Risiko knapper Mengen, sondern vor allem das Risiko deutlich höherer Preise.
Die niedrige Füllung ist vor allem eine Folge der ungewöhnlichen Preissituation am Gasmarkt. Normalerweise kaufen Energieunternehmen im Sommer Gas zu niedrigeren Preisen ein, lagern es ein und verkaufen oder nutzen es im Winter, wenn die Preise höher liegen. In diesem Jahr funktioniert dieses Geschäftsmodell nicht. Nach Angaben des Ministeriums liegt der aktuelle Sommerpreis höher als beziehungsweise ungefähr auf dem Niveau der erwarteten Winterpreise. Zusätzliche Lagerkosten würden den Einkauf für kommerzielle Anbieter damit unattraktiv machen. Entsprechend halten sich private Marktteilnehmer beim Befüllen der Speicher zurück. Der Staat hat deshalb Energie Beheer Nederland, kurz EBN, mit zusätzlichen Einkäufen beauftragt. Das Staatsunternehmen lagert Gas in Norg, Grijpskerk und Bergermeer ein und liegt nach eigenen Angaben auf Kurs, dort insgesamt 80 Terawattstunden zu speichern. Weitere 5 Terawattstunden sollen in Alkmaar hinzukommen.
Für EBN stehen nach Angaben der NOS 960 Millionen Euro an Unterstützung zur Verfügung, um mögliche Verluste aus der Differenz zwischen Einkaufs- und späterem Verkaufspreis abzufangen. Trotzdem reicht das Tempo nicht mehr aus, um das von Gasunie empfohlene Niveau von 115 Terawattstunden vor dem Winter zu erreichen. Dieses Ziel orientiert sich an einer außergewöhnlich strengen Heizperiode, vergleichbar mit dem kältesten Winter der vergangenen drei Jahrzehnte. Zum Vergleich: Ende August 2023 waren die niederländischen Speicher zu rund 94 Prozent gefüllt, im vergangenen Jahr zu 63 Prozent. Aktuell sind es nur etwa 44 bis 45 Prozent. Gasunie betont zugleich, dass eine niedrigere Speicherfüllung nicht automatisch bedeutet, dass im kommenden Winter zu wenig Gas vorhanden sein wird. Die Niederlande erhalten weiterhin Gas über Pipelines und über LNG-Terminals. Die Speicher dienen vor allem dazu, hohe Nachfrage an kalten Tagen abzufangen, wenn die laufenden Importe und die heimische Förderung allein nicht ausreichen.
Ein normaler Winter gilt als beherrschbar
Entscheidend für die Versorgungslage wird sein, wie viel Gas während des Winters benötigt wird und ob die laufende Zufuhr störungsfrei funktioniert. Nach Einschätzung von Gasunie reicht die vorhandene und noch aufzubauende Reserve unter normalen Bedingungen voraussichtlich aus. TNO-Experte René Peters sieht deshalb bei einem normalen Verlauf des Winters keinen unmittelbaren Grund für große Sorgen. Das Risiko entsteht nach seiner Einschätzung vor allem dann, wenn mehrere ungünstige Faktoren gleichzeitig auftreten.
Bei längerer Kälte steigt der Gasverbrauch in den Niederlanden deutlich. Gleichzeitig benötigen dann auch die Nachbarländer mehr Energie. Die Speicher werden besonders an kalten Tagen gebraucht, weil die direkte Versorgung aus Norwegen, über LNG-Terminals und aus kleineren niederländischen Gasfeldern nicht ausreicht, um Spitzen beim Verbrauch vollständig abzudecken. Hinzu kommt die Stromerzeugung. An kalten, dunklen und windarmen Wintertagen steigt auch der Bedarf gasbetriebener Kraftwerke und damit der Gasverbrauch zusätzlich.
Gasunie sieht die Niederlande deshalb ohne zusätzliche Maßnahmen als unzureichend auf einen außergewöhnlich strengen Winter vorbereitet. Auch technische Probleme könnten die Situation verschärfen. Störungen an Pipelines, LNG-Terminals oder anderen Teilen der Infrastruktur würden die verfügbaren Importmengen reduzieren. Eine Kombination aus lang anhaltender Kälte und eingeschränkter Zufuhr wäre damit deutlich problematischer als die niedrige Speicherfüllung allein.
Ein physischer Gasmangel gilt nach den von der NOS befragten Energieexperten dennoch als sehr unwahrscheinlich. Der Markt kann auf Knappheit reagieren und zusätzliche Mengen anziehen. Entscheidend ist dann allerdings der Preis, den europäische Abnehmer bereit sind zu zahlen. Genau darin liegt neben der Versorgungssicherheit das zweite Risiko des kommenden Winters.
Weniger Gas kann vor allem teuer werden
Die europäischen Gaspreise sind bereits deutlich gestiegen. De Telegraaf meldete für Dienstag einen TTF-Gaspreis von 68,20 Euro je Megawattstunde. Innerhalb von fünf Tagen entsprach das einem Anstieg von 11 Prozent, innerhalb eines halben Jahres von 120 Prozent. De Volkskrant berichtete am Mittwochmorgen von etwa 64 Euro je Megawattstunde und damit ebenfalls von einem Niveau, das ungefähr doppelt so hoch lag wie ein Jahr zuvor.
Als wesentliche Ursache nennen die Quellen die angespannte Versorgung mit Flüssigerdgas aus der Golfregion infolge des Krieges und der Unruhen im Nahen Osten. Insbesondere Lieferungen aus Qatar sind betroffen. Gleichzeitig konkurrieren europäische Abnehmer mit asiatischen Käufern um verfügbare LNG-Ladungen. Lucia van Geuns vom Den Haag Centrum voor Strategische Studies weist darauf hin, dass Tanker dorthin fahren können, wo höhere Preise gezahlt werden.
Damit kann eine niedrige niederländische Speicherfüllung auch ohne tatsächlichen Gasmangel finanzielle Folgen haben. Falls während eines kalten Winters kurzfristig große Mengen zusätzlich beschafft werden müssen, geschieht dies auf einem bereits angespannten internationalen Markt. Noch schwieriger würde die Lage, wenn gleichzeitig in Asien eine hohe Nachfrage besteht oder Lieferwege eingeschränkt sind.
Bei einem TTF-Preis von rund 68 Euro je Megawattstunde ergibt sich nach Berechnungen von De Telegraaf für Verbraucher ein Gaspreis von bis zu etwa 1,60 Euro pro Kubikmeter einschließlich Mehrwertsteuer und Energiesteuer. Das Nibud beziffert die durchschnittliche jährliche Energierechnung eines niederländischen Haushalts derzeit auf rund 2.000 Euro bei einem Gasverbrauch von ungefähr 1.000 bis 1.040 Kubikmetern. Wie hoch die tatsächlichen Kosten im Winter ausfallen, hängt damit nicht nur von der verfügbaren Gasmenge, sondern auch von der Entwicklung der internationalen Einkaufspreise ab.
LNG kann fehlende Speicher ersetzen
Eine Alternative zu höheren Vorräten ist die zusätzliche Einfuhr von Flüssigerdgas während des Winters. LNG gelangt unter anderem über Rotterdam und Eemshaven in das europäische Gasnetz. Nach Angaben der NOS ist eine solche kurzfristige Beschaffung derzeit finanziell attraktiver, als teures Gas bereits im Sommer zu kaufen und bis zum Winter einzulagern. Voraussetzung ist allerdings, dass die benötigten LNG-Tanker im Winter tatsächlich verfügbar sind und Europa ausreichend Lieferungen erhält.
Gerade diese Voraussetzung ist derzeit mit Unsicherheiten verbunden. Die internationale LNG-Versorgung ist durch die Situation in der Golfregion knapper geworden. Europa muss zudem mit asiatischen Abnehmern konkurrieren. De Telegraaf berichtet, dass die Niederlande bei LNG inzwischen zu mehr als 70 Prozent von Lieferungen aus den Vereinigten Staaten abhängig sind. Gleichzeitig wird ein Teil des in den Niederlanden ankommenden Flüssigerdgases über das europäische Netz weiter in andere Länder transportiert.
Auch die Verbindung mit den Nachbarländern kann im Winter eine Rolle spielen. Das niederländische und das deutsche Gasnetz sind miteinander verbunden, wodurch Länder grundsätzlich auf Gas aus anderen Märkten zurückgreifen können. Allerdings sind auch die deutschen Speicher vergleichsweise schwach gefüllt. Eine hohe Nachfrage aufgrund niedriger Temperaturen könnte deshalb gleichzeitig in mehreren europäischen Staaten auftreten.
Für die Niederlande bedeutet das nicht automatisch eine Unterbrechung der Versorgung. Es erhöht jedoch die Bedeutung funktionierender Importwege und eines liquiden internationalen Marktes. Je niedriger die eigenen Reserven zu Beginn der Heizperiode sind, desto stärker hängt die Versorgung während hoher Verbrauchsspitzen von laufenden Lieferungen ab.
Regierung muss über zusätzliche Reserve entscheiden
Gasunie hatte bereits früher in diesem Jahr empfohlen, eine strategische Gasreserve für außergewöhnliche Situationen einzurichten. Auch TNO-Experte Peters unterstützt eine solche Reserve. Die bestehenden Vereinbarungen mit EBN und die Befüllung von Norg, Grijpskerk, Bergermeer und Alkmaar sichern zusätzliche Mengen für den kommenden Winter, schaffen nach seiner Einschätzung aber noch keine dauerhafte Lösung für die folgenden Jahre.
Peters hält es deshalb für notwendig, politisch festzulegen, wie groß eine niederländische Notreserve künftig sein soll. Als eine Möglichkeit nennt er, einen begrenzten Teil des Groningenfeldes vorerst technisch als Reserve verfügbar zu halten. Wegen der durch die frühere Förderung verursachten Erdbeben und Schäden bezeichnet er diese Möglichkeit selbst als politisch sehr sensibel. Es gehe dabei ausdrücklich nicht um eine Wiederaufnahme der regulären Gasförderung, sondern ausschließlich um eine mögliche Nutzung in einer Notlage.
Welche Maßnahmen tatsächlich umgesetzt werden, entscheidet die Regierung. Gasunie untersucht derzeit, wie die Gasversorgung unter den veränderten geopolitischen Bedingungen robuster gestaltet werden kann. Das Kabinett will die Tweede Kamer im September über den aktuellen Stand und mögliche weitere Schritte informieren.
Damit steht bereits vor Beginn der Heizperiode fest, dass die Niederlande mit deutlich weniger gespeichertem Gas in den Winter gehen als ursprünglich vorgesehen. Für einen normalen Winter erwartet Gasunie keine unmittelbaren Lieferprobleme. Eine sehr kalte Heizperiode, technische Ausfälle oder zusätzliche Störungen auf dem internationalen Gasmarkt würden den verfügbaren Sicherheitspuffer jedoch verkleinern. Besonders deutlich könnte sich eine solche Entwicklung beim Gaspreis bemerkbar machen.
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