Zechpreller viral im Venedig des Nordens
| von Redaktion
GIETHOORN · Ein Restaurantbesitzer im niederländischen Touristenort Giethoorn hat ein mutmaßliches Zechpreller Paar öffentlich an den digitalen Pranger gestellt. Die beiden Gäste sollen nach einem Abendessen auf der Terrasse des Restaurants De Otterskooi die Rechnung von fast 100 Euro nicht bezahlt haben und davongelaufen sein. Überwachungskameras zeichneten den Vorfall auf. Die Aufnahmen veröffentlichte der Betreiber anschließend in sozialen Netzwerken mit der Frage, ob jemand die Personen erkennen könne. Die Bilder verbreiteten sich innerhalb weniger Tage rasant im Internet und wurden hunderttausendfach angesehen. Der Fall sorgt in den Niederlanden für Diskussionen über Zechprellerei, Datenschutz und die Frage, ob Gastwirte mutmaßliche Schuldige öffentlich identifizieren dürfen, wenn sie sich um ihren Lohn gebracht fühlen.
Nach Angaben des Restaurants auf Facebook ereignete sich der Vorfall am vergangenen Wochenende. Auf den veröffentlichten Überwachungsbildern ist zu sehen, wie ein Mann und eine Frau auf der Terrasse sitzen und essen. Später verlassen sie laut Darstellung des Betreibers das Lokal, ohne die Rechnung zu begleichen. Wie das Restaurant auf Facebook mitteilte, handelte es sich um einen der letzten Tische des Abends. Der Betreiber veröffentlichte daraufhin die Aufnahmen und bat die Öffentlichkeit um Hinweise zur Identität der Personen. Die Resonanz fiel deutlich größer aus als erwartet. Das wurde Video hunderttausendfach angesehen und unter anderem von Dumpert aufgegriffen. Dort wurde die Aufnahme unter der Überschrift veröffentlicht, dass ein Paar offenbar vergessen habe zu bezahlen und nun doch noch abrechnen möge.
Der Restaurantbesitzer erklärte gegenüber AD, ursprünglich habe er lediglich auf ein ansonsten erfolgreiches Wochenende zurückblicken wollen. Stattdessen entwickelte sich die Veröffentlichung zu einem viralen Thema. Nach eigenen Angaben stand sein Telefon tagelang nicht still. Besonders verärgert zeigte er sich darüber, dass der Vorfall aus seiner Sicht keinesfalls folgenlos bleiben dürfe. Er verwies darauf, dass in seinem Betrieb Menschen arbeiten, die bezahlt werden müssen und dass eine solche Vorgehensweise nicht akzeptiert werden könne. Nach Angaben des Betreibers sei dies in den 64 Jahren Bestehen des Lokals bislang noch nie vorgekommen. Außerdem betonte er, dass die Gäste ihre Mahlzeit vollständig verzehrt hätten, mehrere Getränke bestellt hätten und während ihres etwa einstündigen Aufenthalts keinerlei Beschwerden geäußert hätten. Später habe er Hinweise erhalten, dass es sich möglicherweise um deutsche Touristen gehandelt habe.
Video verbreitet sich rasant
Der eigentliche Vorfall wäre vermutlich eine lokale Angelegenheit geblieben, wenn die Überwachungsvideos nicht in den sozialen Medien veröffentlicht worden wären. Wie AD berichtet, verbreiteten sich die Aufnahmen innerhalb kürzester Zeit weit über die Region hinaus. Auch Dumpert griff das Video auf und machte es einem noch größeren Publikum zugänglich.
Der Restaurantbetreiber zeigte sich nach eigenen Angaben überrascht über die enorme Reichweite. Seine ursprüngliche Absicht sei nicht gewesen, eine landesweite Diskussion auszulösen. Dennoch wurde die Veröffentlichung zu einem der meistdiskutierten Themen rund um den Vorfall. Zahlreiche Nutzer beteiligten sich an der Suche nach den Personen oder kommentierten das Verhalten des Paares.
Restaurantbesitzer spricht von Prinzipienfrage
Gegenüber AD machte der Betreiber deutlich, dass für ihn nicht allein die Höhe des Schadens entscheidend sei. Nach seiner Darstellung gehe es vor allem um eine grundsätzliche Frage des Respekts gegenüber Gastronomiebetrieben. Wer Leistungen in Anspruch nehme, müsse diese auch bezahlen.
Besonders ärgerlich sei für ihn, dass die Gäste nach seiner Einschätzung zufrieden gewesen seien. Weder das Essen noch der Service seien beanstandet worden. Gerade deshalb könne er das Verhalten nicht nachvollziehen. In seinen Aussagen bezeichnete er das Paar als Zechpreller und äußerte die Vermutung, dass ein solches Vorgehen möglicherweise nicht zum ersten Mal erfolgt sein könnte. Belege für diese Vermutung nannte er allerdings nicht.
Anzeige blieb bislang aus
Trotz seines Ärgers verzichtete der Restaurantbesitzer nach eigenen Angaben auf eine Anzeige. Wie AD berichtet, begründete er dies damit, dass er sich davon wenig Erfolg verspreche.
Der Fall wirft damit auch die Frage auf, welche rechtlichen Möglichkeiten Gastwirte bei solchen Vorfällen haben. Laut der von AD zitierten Koninklijke Horeca Nederland ist das bloße Verlassen eines Restaurants ohne zu bezahlen nicht automatisch strafbar. Strafrechtliche Relevanz kann demnach insbesondere dann entstehen, wenn ein gewerbsmäßiges oder wiederholtes Vorgehen vorliegt. Dies wird in den Niederlanden als sogenannte „flessentrekkerij“ bezeichnet.
Branchenverband empfiehlt Vorsichtsmaßnahmen
Die Koninklijke Horeca Nederland empfiehlt Gastronomen, insbesondere in stark frequentierten Zeiten auf Terrassen Gäste möglichst zeitnah bezahlen zu lassen. Dadurch sollen ähnliche Situationen vermieden werden.
Der Betreiber von De Otterskooi äußerte gegenüber AD zudem Enttäuschung darüber, dass sich die Branchenorganisation nach dem Bekanntwerden des Falls nicht bei ihm gemeldet habe. Nach seiner Auffassung hätte die Angelegenheit aufgrund der großen öffentlichen Aufmerksamkeit durchaus eine Reaktion verdient.
Diskussion über öffentliche Bloßstellung
Neben der eigentlichen Zechprellerei sorgt vor allem die Veröffentlichung der Videoaufnahmen für Diskussionen. Während viele Nutzer Verständnis für die Reaktion des Gastwirtes zeigen, stellt sich gleichzeitig die Frage nach dem Umgang mit Bildmaterial von mutmaßlichen Tätern.
Der Restaurantbesitzer vertritt laut AD die Auffassung, dass Personen, die bewusst nicht bezahlen, ihr Recht auf Privatsphäre in diesem Zusammenhang verwirken. Andere Stimmen sehen öffentliche Bloßstellungen grundsätzlich kritisch.
Die öffentliche Unterstützung für das Vorgehen des Restaurantbetreibers fällt bemerkenswert deutlich aus. Das AD führte auf seiner Website eine Leserumfrage mit aktuell mehr als 106.000 Teilnehmern durch. Dabei stimmten 95 Prozent der Befragten der Aussage zu, dass das öffentliche „Exposen“ von Zechprellern ein akzeptables Mittel sei, um zu seinem Recht zu kommen. Lediglich 3 Prozent lehnten dies ab, während 2 Prozent angaben, die Frage schwierig zu finden. Die Umfrage ist nicht repräsentativ, verdeutlicht jedoch die starke Zustimmung vieler Leser zu dem Vorgehen des Gastwirtes.
Der Fall aus Giethoorn zeigt damit, wie schnell lokale Ereignisse durch soziale Medien nationale Aufmerksamkeit erhalten können und wie eng Fragen von Eigentum, Datenschutz und öffentlicher Empörung miteinander verknüpft sind.
Ob die Rechnung noch bezahlt wird
Bislang ist nicht bekannt geworden, ob die auf den Aufnahmen zu sehenden Personen identifiziert wurden oder die offene Rechnung inzwischen beglichen haben. Fest steht lediglich, dass die Bilder weiterhin im Internet kursieren und der Vorfall weit über Giethoorn hinaus bekannt geworden ist.
Für das Restaurant bleibt der Vorfall nach Angaben des Betreibers ein ärgerlicher Abschluss eines ansonsten erfolgreichen Wochenendes. Für die Öffentlichkeit ist er zugleich ein Beispiel dafür, welche Dynamik ein einzelnes Überwachungsvideo entwickeln kann, wenn es in sozialen Netzwerken veröffentlicht wird.
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