Starkes Erdbeben erschüttert Groningen
| letzte Änderung 15.11.2025 18:02 | von Redaktion
ZEERIJP · Schweres induziertes Erdbeben im Gasfeld Groningen: In der Nacht von Donnerstag auf Freitag hat ein Erdbeben der Stärke 3,4 auf der Richterskala die Region rund um das Groninger Dorf Zeerijp erschüttert. Das Epizentrum lag nach Angaben der niederländischen Meteorologen in nur drei Kilometern Tiefe und wurde in einem großen Teil der Provinz deutlich gespürt. Es handelt sich um die bisher stärkste Erschütterung des Jahres in Groningen und zugleich um eine der heftigsten seit Beginn der systematischen Messungen im Gasfördergebiet. Über mögliche Schäden oder Verletzte lagen am frühen Morgen zunächst noch keine gesicherten Informationen vor, dennoch berichten zahlreiche Einwohner von deutlich wahrnehmbaren Erschütterungen und lauten Knallgeräuschen.
Nach Angaben des Königlichen Niederländischen Meteorologischen Instituts KNMI ereignete sich die Erschütterung am Freitag um 01.16 Uhr. Die seismologischen Messstationen lokalisierten das Epizentrum bei Zeerijp nordöstlich der Stadt Groningen und westlich von Delfzijl in rund drei Kilometern Tiefe. Das KNMI stuft das Ereignis als sogenannte induzierte Erdbewegung ein, die unmittelbar mit der jahrzehntelangen Gasförderung im Groningen Gasfeld zusammenhängt. Die Behörde weist darauf hin, dass es sich um die stärkste gemessene Erschütterung in der Provinz seit dem Beben bei Wirdum im Oktober 2022 mit einer Stärke von 3,1 handelt. Zugleich ordnet das Institut die aktuelle Magnitude von 3,4 als drittstärkste jemals in Groningen registrierte Erschütterung ein, nur übertroffen von den Beben bei Huizinge im August 2012 mit einer Stärke von 3,6 und bei Westeremden im August 2006 mit 3,5. Medienberichte von NOS, AD und De Telegraaf verweisen darauf, dass das aktuelle Beben damit auch zu den zehn schwersten Ereignissen im gesamten Groningen Gasfeld seit Beginn der systematischen Aufzeichnungen zählt und in weiten Teilen der Provinz deutlich wahrgenommen wurde.
Zahlreiche Haushalte meldeten heftiges Rütteln und hörbare Knallgeräusche, vereinzelt fielen Gegenstände aus Regalen oder kippten Möbelstücke leicht an, gesicherte Übersichten über strukturelle Schäden an Gebäuden lagen am frühen Freitagmorgen jedoch noch nicht vor. Das KNMI erinnert daran, dass im Jahr 2024 insgesamt sechs Erdbeben mit einer Stärke von mindestens 1,5 auf der Richterskala im Groningen Gasfeld verzeichnet wurden, die stärkste Erschütterung erreichte damals bei Garsthuizen einen Wert von 2,2. Im laufenden Jahr 2025 wurden bis einschließlich des Ereignisses von Zeerijp vier Beben oberhalb dieser Wahrnehmungsschwelle registriert, sodass die aktuelle Magnitude von 3,4 deutlich aus dem bisherigen Muster herausragt. Die Seismologen stützen ihre Bewertung auf ein dichtes Netz von Messstationen in der Region, die die ankommenden primären Wellen in einem Radius von mehreren Dutzend Kilometern aufgezeichnet haben und damit eine genaue Bestimmung von Ort, Tiefe und Stärke der Erschütterung ermöglichen.
Erschütterungen in weiten Teilen der Provinz
Nach ersten Berichten wurde die Erschütterung in einem großen Teil der Provinz Groningen deutlich gespürt. Bei dem regionalen Omroep RTV Noord gingen in der Nacht zahlreiche Meldungen ein, die vom Raum an der deutschen Grenze bis an die Grenze zur Provinz Drenthe reichten. Einwohnerinnen und Einwohner schilderten, dass Betten und Möbel spürbar wackelten und dass sie durch einen plötzlichen lauten Knall aus dem Schlaf gerissen wurden. In Zeerijp selbst und in umliegenden Dörfern wie Appingedam, Delfzijl, Kantens, Uithuizermeeden, t Zandt, Wirdum und Loppersum beschrieben Menschen laut AD und De Telegraaf, dass Geschirr in Schränken klapperte, Gegenstände von Regalen rutschten und Lampen zu schwingen begannen. Einige Bewohner berichten, dass sie während der Fahrt kurz die Kontrolle über ihr Fahrzeug verloren, weil die Straße sich durch die Erschütterung spürbar bewegte, andere schildern Situationen, in denen sie mit ihren Kindern oder Babys im Arm unerwartet von den Vibrationen überrascht wurden und sich dadurch besonders verunsichert fühlten. In den sozialen Netzwerken meldeten sich in der Nacht zahlreiche Nutzerinnen und Nutzer aus unterschiedlichen Orten der Provinz zu Wort, die die Heftigkeit des Bebens und das deutliche Schütteln in ihren Häusern beschrieben und damit die Einschätzung der seismologischen Dienste bestätigten, dass es sich nicht um ein lokales, sondern um ein regional wahrnehmbares Ereignis handelte. Eine abschließende Bilanz zu möglichen Schäden lag zunächst weder von der Sicherheitsregion Groningen noch von den zuständigen kommunalen Behörden vor, die Lageeinschätzung und eventuelle Kontrollen an kritischer Infrastruktur und Gebäuden liefen am frühen Morgen noch. Klar ist jedoch bereits jetzt, dass die psychologische Wirkung des nächtlichen Bebens für viele Menschen in der ohnehin von Bergschäden geprägten Region erheblich ist, weil es Erinnerungen an frühere starke Erschütterungen weckt und die Sorge verstärkt, dass die Gefahr trotz des formellen Endes der Gasförderung noch nicht gebannt ist.
Langfristige Folgen der Gasförderung
Das KNMI ordnet das Ereignis eindeutig als induzierte seismische Aktivität ein, die mit den jahrzehntelangen Eingriffen in den Untergrund durch die Gasförderung im Groningen Gasfeld zusammenhängt. Seit den sechziger Jahren wurde aus dem Feld in großem Umfang Erdgas gewonnen, was zu einer langsamen Setzung des Bodens und zu Spannungen in den Gesteinsschichten geführt hat. Nach den anhaltenden Protesten und umfangreichen Untersuchungen wurde die Förderung im April des vergangenen Jahres offiziell beendet, dennoch weisen sowohl das KNMI als auch die Aufsichtsbehörde Staatstoezicht op de Mijnen darauf hin, dass damit nicht automatisch ein Ende der Erdbeben verbunden ist. Auf der Internetseite von SodM wird erläutert, dass die im Untergrund gespeicherte Spannung sich nur allmählich abbaut und dass noch für einen längeren Zeitraum mit weiteren Erschütterungen gerechnet werden muss.
Die Behörde spricht von einer kleinen, aber nicht vernachlässigbaren Wahrscheinlichkeit von rund einem Prozent für ein Beben mit einer Magnitude von 4,0 oder mehr, betont zugleich aber, dass diese Wahrscheinlichkeit mit der Zeit abnimmt. Auch der beim KNMI tätige Seismologe Läslo Evers macht in Gesprächen mit RTV Noord deutlich, dass Beben der jetzt beobachteten Stärke trotz des Förderstopps weiterhin auftreten können. Nach seinen Erläuterungen nehmen Häufigkeit und Stärke der Ereignisse zwar im langfristigen Trend ab, doch der Untergrund habe sich noch nicht wieder vollständig an die veränderten Druckverhältnisse angepasst. Zudem seien nach einem Beben der Stärke 3,4 weitere kleinere Nachbeben nicht ausgeschlossen, auch wenn deren genaue Zahl und Stärke sich nicht prognostizieren lassen. Für die Bevölkerung in der Region bedeutet dies, dass die Sorge vor zukünftigen Erschütterungen und möglichen Folgeschäden an Häusern und Infrastruktur trotz des politischen Beschlusses zur Schließung des Gasfeldes bestehen bleibt und jede stärkere Erschütterung wie in der Nacht bei Zeerijp die Diskussion über Entschädigungen, Sicherheit und Vertrauen in Behörden neu anheizt.
Einordnung im historischen Kontext der Groningen Beben
Für die Einordnung der aktuellen Ereignisse verweisen KNMI und niederländische Medien auf die Messreihen der vergangenen Jahre. Seit Beginn der systematischen seismologischen Erfassung im Groningen Gasfeld gelten die Beben von Huizinge im August 2012 mit einer Magnitude von 3,6 und von Westeremden im August 2006 mit einer Stärke von 3,5 als Referenzpunkte für besonders schwere Erschütterungen. Mit ihrer Magnitude von 3,4 reiht sich die Erschütterung von Zeerijp nun in diese Spitzengruppe ein. Laut den vom KNMI veröffentlichten Übersichten gehört sie zu den zehn stärksten induzierten Beben im Gasfeld und ist die stärkste seit dem Jahr 2019, als bei Westerwijtwerd ebenfalls ein Beben der Stärke 3,4 registriert wurde, das nach Angaben der Fachleute jedoch geringfügig schwächer ausfiel als das aktuelle Ereignis.
Die jüngste Erschütterung übertrifft zudem deutlich das Beben bei Wirdum im Oktober 2022 mit einer Magnitude von 3,1, das bisher als schwerste Erschütterung der vergangenen Jahre in Groningen galt. Die Statistik macht deutlich, dass die Zahl der registrierten Beben mit spürbarer Stärke zwar zurückgeht, gleichzeitig aber einzelne Ereignisse mit vergleichsweise hoher Magnitude weiterhin möglich sind. Im Jahr 2024 wurden im Groningen Gasfeld sechs Beben mit einer Magnitude von mindestens 1,5 verzeichnet, in diesem Jahr waren es einschließlich Zeerijp bislang vier. Das aktuelle Beben stellt die stärkste Erschütterung des laufenden Jahres dar und fügt sich in die Reihe der schwersten historischen Ereignisse in der Region ein. Für Bewohnerinnen und Bewohner, die bereits frühere schwere Beben erlebt haben, ist die Nachricht, dass die Erschütterung offiziell als drittstärkste jemals in der Provinz eingestuft wird, ein deutlicher Hinweis darauf, dass die seismische Gefahr trotz abnehmender Förderaktivitäten noch über Jahre ein Thema bleiben wird.
Nachtrag der Redaktion: Nachtrag der Redaktion: Schadensmeldungen steigen weiter an
Seit dem Erdbeben vom 14 November in Zeerijp hat das Meldesystem des Instituut Mijnbouwschade Groningen kontinuierlich neue Hinweise erhalten. Zunächst wurden bis Freitagmittag mehrere Dutzend Anrufe und 66 offizielle Schadensmeldungen registriert. Zwölf Bewohner meldeten eine Acuut Onveilige Situatie, die innerhalb von 48 Stunden vor Ort geprüft wird.
Mit dem Update vom Samstag 15 November um 11.30 Uhr wurde das Ausmaß bereits deutlich größer. Zu diesem Zeitpunkt lagen insgesamt 593 Schadensmeldungen vor, davon 395 aus dem sogenannten Effektgebiet, also dem Bereich mit einer gemessenen Bodengeschwindigkeit von mindestens 2 Millimeter pro Sekunde. Zusätzlich wurden 25 Meldungen über eine mögliche akut unsichere Situation registriert. Drei Teams hatten bis dahin 14 Kontrollen durchgeführt und in zwei Fällen waren sofortige Sicherungsmaßnahmen erforderlich. Die lokalen Stützpunkte in Loppersum und t Zandt wurden am Samstag geöffnet, das Serviceloket war an beiden Wochenendtagen zwischen 9.00 und 15.00 Uhr erreichbar.
Mit dem Update vom Samstag 15 November um 16.00 Uhr wurde die Lage erneut konkretisiert. Seit dem Tag der Erschütterung gingen inzwischen insgesamt 758 Schadensmeldungen ein. Davon stammen 503 Meldungen aus dem Effektgebiet der Erschütterung von Zeerijp. Die Zahl der Hinweise auf eine Acuut Onveilige Situatie stieg auf 29. Bis zum Nachmittag führten Einsatzteams hiervon 20 Kontrollen durch und in drei Fällen waren unmittelbar Sicherungsmaßnahmen notwendig. Auch am Sonntag bleibt das Serviceloket zwischen 9.00 und 15.00 Uhr erreichbar, um Fragen aufzunehmen und betroffene Einwohner zu unterstützen.
Andere Medien zum Thema
In eigener Sache

Bitte unterstütze uns
Unsere Aktivitäten und diese Webseite bieten wir kostenlos an. Wir tun dies gerne und freiwillig. Um unseren Service weiterhin anbieten zu können, schalten wir Werbung und nutzen Affiliate-Links. Deine Unterstützung, sei es durch Mitarbeit oder eine Spende in Höhe einer Tasse Kaffee über PayPal, ist uns sehr willkommen und hilft uns enorm.
Vielen Dank dafür!
Kommentare
Einen Kommentar schreiben