Stadskanaal unter Ausnahmezustand
| von Redaktion
STADSKANAAL · Erschütterung, Wut und massive Sicherheitsmaßnahmen prägen derzeit die niederländische Gemeinde Stadskanaal in der Provinz Groningen. Nach Bekanntwerden eines Ermittlungsverfahrens wegen schwerer und systematischer Kindesmisshandlung gegen zwei Frauen aus der Gemeinde eskalierte die Lage am Donnerstag vollständig. Laut Gemeinde, Polizei und niederländischen Medien wurden Fenster mutmaßlich beteiligter Wohnungen eingeschlagen, während sich über soziale Medien weitere Aufrufe zu Aktionen und Störungen verbreiteten. Bürgermeister Klaas Sloots verhängte daraufhin eine weitreichende Noodverordening für ein Gebiet rund um Hoofdkade, Julianastraat, Stationslaan und Brugkade. Die Maßnahme gilt bis Sonntagabend. Im Zentrum des Falles stehen zwei Kinder im Alter von sechs und sieben Jahren, die laut den Ermittlungsakten über längere Zeit schwer misshandelt, erniedrigt und teilweise eingesperrt worden sein sollen. Die beiden verdächtigen Frauen wurden am Donnerstagabend vorzeitig festgenommen.
Die Ereignisse in Stadskanaal haben landesweit für Entsetzen gesorgt. Nach Angaben von Polizei und Openbaar Ministerie (vergleichbar mit der Staatsanwaltschaft) stehen zwei Frauen im Alter von 31 und 33 Jahren unter Verdacht der Kindesmisshandlung und der widerrechtlichen Freiheitsberaubung. Wie NOS, NU.nl und das Dagblad van het Noorden berichten, sollen ein sechsjähriges Mädchen und ein siebenjähriger Junge über längere Zeit systematisch misshandelt worden sein. In den Gerichtsunterlagen der Raad voor de Kinderbescherming ist unter anderem von wiederholten Einsperrungen in einem Kellerraum, körperlicher Gewalt, Erniedrigungen und extremer Vernachlässigung die Rede. Besonders schwer betroffen gewesen sein soll das sechsjährige Mädchen. Laut den veröffentlichten Informationen musste das Kind zeitweise sein eigenes Erbrochenes essen und wurde schwer unterernährt in ein Krankenhaus eingeliefert. Im Februar wurde das Mädchen laut Dagblad van het Noorden sogar in ein künstliches Koma versetzt und beatmet. Die Ermittlungen nahmen Fahrt auf, nachdem die Grundschule des Kindes wiederholt Alarm geschlagen hatte. Lehrer bemerkten demnach Verletzungen im Gesicht, Müdigkeit, Hunger und einen allgemein schlechten körperlichen Zustand des Mädchens. Auch Hinweise auf Verwahrlosung im häuslichen Umfeld spielten laut den Gerichtsunterlagen eine Rolle. Das Openbaar Ministerie bestätigte am Donnerstagabend die Festnahmen und erklärte, dass diese wegen der entstandenen gesellschaftlichen Unruhe und aus Sicherheitsgründen vorgezogen wurden. Beide Verdächtigen befinden sich derzeit in sogenannter „Beperking“. Das bedeutet, dass sie nur eingeschränkt Kontakt zur Außenwelt haben und ausschließlich mit ihren Anwälten kommunizieren dürfen.
Ausnahmezustand nach Ausschreitungen
Die öffentliche Empörung in Stadskanaal entlud sich bereits am Donnerstagnachmittag. Nach Angaben der Gemeinde kam es gegen 15:15 Uhr im Bereich der betroffenen Wohnhäuser zu schweren Störungen der öffentlichen Ordnung. Eine größere Gruppe von Menschen zog zu mehreren Häusern und zerstörte dort Fensterscheiben. Bürgermeister Klaas Sloots reagierte noch am Abend mit einer umfassenden Noodverordening. Diese gilt für das Gebiet zwischen Hoofdkade, Julianastraat, Stationslaan und Brugkade.
Die Verordnung enthält weitreichende Einschränkungen. Personen dürfen das Gebiet nur noch betreten, wenn sie einen nachvollziehbaren Grund dafür haben. Zudem gilt ein Versammlungsverbot für Gruppen ab drei Personen. Auch das Mitführen potenziell gefährlicher Gegenstände ist untersagt. Die Gemeinde nennt ausdrücklich Stöcke, Steine, Schlagwerkzeuge, Feuerwerkskörper, Brandbeschleuniger und Waffen. Hintergrund sind laut Gemeinde konkrete Hinweise der Polizei, dass weitere schwere Störungen der öffentlichen Ordnung drohen könnten. Außerdem bestehe die Sorge, dass Brandbeschleuniger eingesetzt werden könnten.
Die Sicherheitsmaßnahmen gelten zunächst bis Sonntag, 17. Mai, 23:59 Uhr. Polizei und kommunale Ordnungsdienste erhielten weitreichende Befugnisse zur Kontrolle und Durchsetzung der Maßnahmen. Verstöße gegen die Noodverordening können nach niederländischem Strafrecht mit bis zu drei Monaten Haft oder einer Geldstrafe geahndet werden.
Schwere Vorwürfe gegen die beiden Frauen
Die in den niederländischen Medien veröffentlichten Details des Falls haben landesweit Bestürzung ausgelöst. Laut den Unterlagen der Raad voor de Kinderbescherming sollen die beiden Kinder über lange Zeit schweren Misshandlungen ausgesetzt gewesen sein. Das sechsjährige Mädchen soll geschlagen, getreten und teilweise unter kalten Duschen bestraft worden sein. Zudem soll sie über längere Zeit kaum Nahrung erhalten haben. Laut Dagblad van het Noorden wurden Teile der Misshandlungen gefilmt.
Auch der siebenjährige Junge soll geschlagen und im Keller eingesperrt worden sein. Nach Angaben der Kinderbescherming musste er zudem die Misshandlungen des Mädchens mit ansehen. Beide Kinder wurden inzwischen aus den Familien geholt. Die beiden Frauen wurden vorläufig aus der elterlichen Sorge ausgeschlossen.
Besonders brisant sind laut den Gerichtsunterlagen Hinweise auf eine mögliche Kontrolle einer Frau über die andere. Demnach soll eine der Verdächtigen erheblichen Einfluss auf das Leben der anderen Frau ausgeübt haben. Laut den veröffentlichten Informationen hatte sie Zugriff auf E Mail Konten, Bankdaten und Kommunikationsmittel. Zudem sollen digitale Überwachungsprogramme auf dem Telefon installiert worden sein.
Die Behörden äußern sich derzeit nur sehr zurückhaltend zu den laufenden Ermittlungen. Polizei und Openbaar Ministerie betonen, dass die beiden Frauen offiziell lediglich verdächtigt werden und dass das Strafverfahren noch läuft. Wegen der Einschränkungen der Kommunikation werden derzeit kaum weitere Details veröffentlicht.
Erinnerungen an frühere Missbrauchsfälle
Mehrere niederländische Medien ziehen bereits Vergleiche mit dem sogenannten Vlaardingen Fall, der die Niederlande vor einigen Jahren erschütterte. Auch damals waren massive Misshandlungen eines Kindes bekannt geworden. In Stadskanaal steht nun erneut die Frage im Raum, wie lange die Misshandlungen unentdeckt bleiben konnten und welche Rolle Behörden, Schulen und Hilfsorganisationen im Verlauf der Ereignisse gespielt haben.
Fest steht bislang, dass die Schule des sechsjährigen Mädchens letztlich entscheidende Hinweise lieferte. Nach Angaben von NOS hatten Lehrerinnen und Lehrer mehrfach beobachtet, dass das Kind erschöpft wirkte, Verletzungen hatte und regelmäßig hungrig war. Später wurden offenbar weitere Stellen eingeschaltet, darunter Veilig Thuis und medizinische Einrichtungen.
Die Ermittlungen dauern an. Polizei und Openbaar Ministerie kündigten an, sich wegen der laufenden Untersuchung vorerst nur eingeschränkt zu äußern. Gleichzeitig bleibt die Lage in Stadskanaal angespannt. Die Sicherheitsbehörden rechnen offenbar weiterhin mit möglichen weiteren Unruhen rund um die betroffenen Wohnhäuser.
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