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Sirenen verstummen endgültig

| von Redaktion

Sirene Luftalarm | Foto: HOLLAND.guide
Sirene Luftalarm | Foto: HOLLAND.guide

DEN HAAG · Die Niederlande stehen vor einem historischen Einschnitt im Katastrophenschutz. Nach Jahrzehnten des monatlichen Probealarms wird das bekannte Luftalarmsystem ab dem Jahr 2028 schrittweise abgeschaltet. Das niederländische Kabinett hat keine finanziellen Mittel für ein neues landesweites Sirenennetz gefunden. Damit endet zugleich auch der monatliche Test des Luftalarms am ersten Montag des Monats. Das bestehende Warnsystem mit rund 4200 Sirenen gilt laut Ministerium als technisch veraltet und erreicht längst nicht mehr alle Menschen zuverlässig. Stattdessen setzt die Regierung künftig nahezu vollständig auf das digitale Warnsystem NL Alert, das Warnmeldungen direkt auf Mobiltelefone sendet. Gleichzeitig wächst in den Niederlanden die Debatte über Krisenvorsorge, zivile Sicherheit und die Frage, ob ein rein digitales Warnsystem im Ernstfall tatsächlich ausreichend ist.

Der Brief des Ministers macht deutlich, dass die niederländische Regierung die Sicherheitslage in Europa inzwischen wesentlich ernster bewertet als noch vor wenigen Jahren. Im Mittelpunkt steht dabei die sogenannte „maatschappelijke weerbaarheid“, also die gesellschaftliche Widerstandsfähigkeit gegen Krisen, hybride Angriffe, Naturkatastrophen und mögliche militärische Bedrohungen. Gleichzeitig bestätigt das Kabinett jedoch, dass ein zentrales Element der bisherigen Warninfrastruktur verschwindet. Das bekannte „Waarschuwings en Alarmeringssysteem“, kurz WAS, mit seinen landesweit verteilten Sirenen soll nach 2028 endgültig auslaufen. Zwar wurden die Wartungsverträge der bestehenden Anlagen noch bis zum 1. Januar 2028 verlängert, doch laut Minister van Weel werde die bereits früher beschlossene Ausphasierung danach umgesetzt. Gemeinsam mit dem Nederlands Instituut Publieke Veiligheid und den Sicherheitsregionen soll nun ein Plan für die Abschaltung und mögliche Sonderlösungen an Hochrisikostandorten ausgearbeitet werden. Hintergrund ist laut Ministerium, dass das bestehende Sirenensystem technisch veraltet sei und gleichzeitig ein neues modernes Sirenennetz nicht finanziert werden könne. In seinem Schreiben betont der Minister ausdrücklich, dass zwar ein neues innovatives Sirenensystem als ergänzende Sicherheitsmaßnahme empfohlen worden sei, bislang jedoch keine finanziellen Mittel dafür gefunden wurden.

Regierung setzt vollständig auf NL Alert

An die Stelle der klassischen Sirenen soll künftig nahezu vollständig das digitale Warnsystem NL Alert treten. Dieses System verschickt Warnmeldungen direkt auf Mobiltelefone und wird bereits heute bei Großbränden, Gefahrstoffunfällen, Unwettern oder anderen Krisenlagen eingesetzt. Laut dem Brief des Ministers liegt die Reichweite inzwischen stabil bei rund 92 Prozent der niederländischen Bevölkerung ab zwölf Jahren. Gleichzeitig wird das System technisch weiterentwickelt. Besonders hervorgehoben wird dabei die Einführung von Geofencing, wodurch Warnmeldungen gezielter an Menschen in konkreten Gefahrengebieten verschickt werden können. Zudem arbeitet das Ministerium gemeinsam mit Interessenverbänden an einer besseren Zugänglichkeit für gehörlose und sehbehinderte Menschen. Künftig soll die NL Alert App auch niederländische Gebärdensprache unterstützen. Gerade für gehörlos geborene Menschen, deren Muttersprache häufig die Nederlandse Gebarentaal sei, soll dies das Verständnis von Warnmeldungen deutlich verbessern. Die Einführung dieser Funktion wird laut Ministerium noch im Laufe des Jahres erwartet.

Der Minister macht jedoch gleichzeitig deutlich, dass die Niederlande derzeit keine vollständig abgesicherte doppelte Warninfrastruktur besitzen. Im Brief wird ausdrücklich erklärt, dass eine sogenannte „robuste und redundante zivil militärische Warnkette“ ursprünglich vorgesehen gewesen sei. Diese sollte bei schweren militärischen oder hybriden Bedrohungen zusätzlich zum digitalen NL Alert System funktionieren. Das neue Sirenennetz war dabei als ergänzende Sicherheitslösung vorgesehen. Weil jedoch keine finanziellen Mittel gefunden wurden, bleibt die Warnkette vorerst unvollständig. Verteidigungsministerium und Justizministerium arbeiten laut dem Schreiben derzeit lediglich an einer Minimalvariante, bei der die Bevölkerung im Ernstfall zumindest über NL Alert gewarnt werden kann. Der Minister räumt dabei ein, dass die Niederlande dadurch anfälliger bleiben könnten, falls Telekommunikations oder Stromnetze ausfallen oder gezielt gestört werden.

Mehr Fokus auf Krisenvorsorge und Zivilschutz

Der Ministerbrief zeigt zugleich, dass die niederländische Regierung ihre Krisenvorsorge massiv ausbauen will. Mehrfach wird auf hybride Bedrohungen, Stromausfälle und militärische Szenarien verwiesen. Laut dem Ministerium sollen die Sicherheitsregionen gemeinsam mit Kommunen, Rettungsdiensten und anderen Organisationen ihre Vorbereitung auf Krisen deutlich verstärken. Dafür wurden bereits zusätzliche Mittel bereitgestellt. Ab 2027 sollen jährlich 70 Millionen Euro dauerhaft in die regionale und lokale Krisenvorsorge fließen. Zusätzlich stehen bereits für die Jahre 2025 und 2026 weitere Millionenbeträge zur Verfügung.

Ein zentrales Projekt ist der Aufbau eines landesweiten Netzes sogenannter „Noodsteunpunten“. Dabei handelt es sich um lokale Notstützpunkte, die bei Ausfällen von Strom, Internet oder Telekommunikation als Informations und Unterstützungsstellen dienen sollen. Jede Sicherheitsregion arbeitet laut Ministerium inzwischen an Pilotprojekten für solche Einrichtungen. Dort sollen Bürger im Krisenfall Informationen erhalten und Unterstützung organisiert werden können. Auch Formen organisierter Bürgerhilfe werden dabei geprüft. Das Ministerium untersucht derzeit gemeinsam mit Sicherheitsregionen und Organisationen wie dem Rode Kruis oder der Reddingsbrigade, wie freiwillige Helfer künftig stärker in die nationale Krisenvorsorge eingebunden werden können. Dabei wird ausdrücklich auch die Rolle junger Menschen thematisiert.

Parallel dazu arbeitet die Regierung an einem landesweiten Konzept für Schutzräume und Evakuierungen. Gemeinsam mit Sicherheitsregionen und Gemeinden soll bis Ende 2026 ein nationales Rahmenkonzept für Schutz und Evakuierung entstehen. Zusätzlich untersucht TNO im Auftrag des Ministeriums derzeit, welche Schutzmöglichkeiten bei militärischen Angriffen die Überlebenschancen erhöhen können. Ziel ist es laut dem Brief, bestehende Empfehlungen wie „unterirdisch oder mitten in einem großen Gebäude Schutz suchen“ genauer wissenschaftlich zu untermauern.

Modernisierung der Notfallkommunikation

Neben dem Ende des klassischen Luftalarms kündigt der Ministerbrief auch weitere Modernisierungen im niederländischen Krisensystem an. So wird derzeit die sogenannte „Vernieuwing Missiekritische Communicatie“, kurz VMX, vorbereitet. Dabei handelt es sich um die künftige Nachfolge wichtiger Kommunikationssysteme für Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienste. Gleichzeitig soll auch die Noodcommunicatievoorziening modernisiert werden. Diese Notfallkommunikation soll sicherstellen, dass Behörden und Rettungsdienste selbst bei schweren Ausfällen regulärer Telekommunikationsnetze weiter kommunizieren können. Laut Ministerium wurde bereits die Umstellung von analoger auf digitale Infrastruktur abgeschlossen. Zudem sollen künftig sichere Videoverbindungen und zusätzliche Funktionen integriert werden.

Der Brief zeigt insgesamt deutlich, dass die niederländische Regierung ihre Sicherheits und Krisenpolitik zunehmend auf großflächige Störungen, hybride Bedrohungen und militärische Risiken ausrichtet. Gleichzeitig endet jedoch mit dem Auslaufen des klassischen Luftalarmsystems ein jahrzehntelang vertrautes Symbol der niederländischen Krisenvorsorge.

Sirenentest am ersten Montag im Monat

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