Pfand bald auch auf Milchflaschen
| von Redaktion
DEN HAAG · Weitreichende Reform des Pfandsystems. Das niederländische Pfandsystem steht vor seiner bislang größten Erweiterung seit der Einführung des Einwegpfands. Künftig sollen nicht mehr nur Wasser-, Erfrischungsgetränke- und die meisten Saftflaschen mit Pfand verkauft werden, sondern grundsätzlich alle Kunststoffflaschen bis zu einem Fassungsvermögen von drei Litern – darunter auch Milch-, Joghurt-, Kefir- und andere Molkereiprodukte. Gleichzeitig will die Regierung die Zahl der Rückgabestellen deutlich erhöhen, die Transparenz des Systems verbessern und den Verkauf pfandpflichtiger Verpackungen ohne Pfand unterbinden. Hintergrund sind die seit Jahren verfehlten gesetzlichen Sammelquoten und neue europäische Vorgaben, die bis 2029 eine getrennte Sammlung von mindestens 90 Prozent aller Kunststoffgetränkeflaschen verlangen. Die konkrete Umsetzung soll bis 2028 erfolgen.
Der Vorstoß geht auf einen am Donnerstag an die Zweite Kammer übermittelten Brief von Klimaministerin Stientje van Veldhoven-van der Meer zurück. Darin macht die Regierung deutlich, dass das derzeitige Pfandsystem zwar nachweislich funktioniert, seine gesetzlichen Ziele jedoch klar verfehlt. Nach den jüngsten verfügbaren Zahlen aus dem Jahr 2024 werden lediglich 77 Prozent aller Kunststoffgetränkeflaschen und 83 Prozent der Getränkedosen wieder eingesammelt. Gesetzlich vorgeschrieben sind jedoch jeweils 90 Prozent. Bleibt die Niederlande dauerhaft unter dieser Marke, greifen ab 2029 strengere europäische Vorgaben. Diese könnten unter anderem eine allgemeine Rücknahmepflicht für sämtliche Verkaufsstellen sowie weitere kostspielige Verpflichtungen nach sich ziehen. Die Regierung möchte diesem Szenario mit einem eigenen Reformpaket zuvorkommen und gleichzeitig mehr Spielraum für nationale Lösungen behalten.
Künftig Pfand auf nahezu alle Kunststoffflaschen
Der wohl sichtbarste Bestandteil der Reform betrifft die Ausweitung der Pfandpflicht. Während heute hauptsächlich Kunststoffflaschen für Wasser und Erfrischungsgetränke sowie ein Großteil der Saftflaschen unter das Pfandsystem fallen, sollen künftig sämtliche Einweg-Kunststoffflaschen bis drei Liter einbezogen werden. Dazu gehören insbesondere Milchflaschen, Trinkjoghurt, Kefir, Schokomilch und vergleichbare Getränke.
Nach Angaben der Regierung sorgen die bisherigen Ausnahmen regelmäßig für Verwirrung. Viele Verbraucher gehen davon aus, dass jede Kunststoffflasche Pfand besitzt und versuchen deshalb auch pfandfreie Milch- oder Joghurtflaschen am Automaten zurückzugeben. Werden diese abgewiesen, führt das häufig zu Frust. Ein einheitliches System soll deshalb einfacher verständlich sein und gleichzeitig die Sammelquote erhöhen.
Bereits heute wird auf den überwiegenden Teil der Kunststoff-Saftflaschen freiwillig Pfand erhoben. Die eigentliche Lücke besteht bei den Molkereiprodukten. Nach Angaben des Ministeriums machen sie rund 90 Prozent aller derzeit pfandfreien Kunststoffflaschen aus und entsprechen etwa 11,7 Prozent aller Kunststoffgetränkeflaschen auf dem niederländischen Markt.
Wissenschaftler sehen nur einen realistischen Weg
Grundlage der Regierungspläne ist eine umfangreiche Untersuchung der Wageningen University & Research (WUR), die im Auftrag des Infrastrukturministeriums erstellt wurde. Die Wissenschaftler untersuchten verschiedene Möglichkeiten, wie die bislang pfandfreien Getränkeflaschen getrennt gesammelt werden könnten.
Verglichen wurden sechs unterschiedliche Modelle – vom Festhalten am bisherigen PMD-System über separate Sammelbehälter bis hin zu verschiedenen Varianten einer Ausweitung des Pfandsystems. Das Ergebnis fällt eindeutig aus: Die gesetzliche Sammelquote von 90 Prozent ist überzeugend nur erreichbar, wenn sämtliche heute pfandfreien Kunststoffgetränkeflaschen in das Pfandsystem aufgenommen werden. Andere Modelle würden weiterhin unrealistisch hohe Rückgabequoten der bereits bestehenden Pfandflaschen voraussetzen.
Nach Berechnungen der Forscher besteht bereits heute rund 86,9 Prozent aller Kunststoffgetränkeflaschen auf dem niederländischen Markt aus Flaschen, die Teil des Pfandsystems sind. Dennoch reicht die derzeitige Rückgabequote nicht aus. Selbst wenn alle heutigen Pfandflaschen nahezu vollständig zurückgegeben würden, ließe sich die gesetzliche Gesamtquote ohne Einbeziehung der Molkereiflaschen kaum erreichen.
Deutschland dient als Vorbild
Besonders ausführlich beschäftigt sich die Studie mit Deutschland. Dort wurde das Pfandsystem Anfang 2024 auch auf Milch- und Molkereigetränkeflaschen ausgeweitet. Inzwischen umfasst das System praktisch alle Kunststoffgetränkeflaschen zwischen 0,1 und 3 Litern.
Nach den in der Studie ausgewerteten Daten werden in Deutschland 96,2 Prozent aller Pfand-Kunststoffflaschen zurückgegeben. Insgesamt – einschließlich weiterer Sammelsysteme – liegt die Sammelquote sogar bei 98,7 Prozent. Die Autoren führen dies unter anderem auf die hohe Zahl an Rückgabestellen und die einfache Regel zurück: Für Verbraucher ist klar, dass nahezu jede Getränkeflasche unter das Pfandsystem fällt.
Auch Norwegen erreicht mit einem ähnlich konsequenten Pfandsystem Rückgabequoten von über 90 Prozent. Belgien und das Vereinigte Königreich, die hauptsächlich auf getrennte Wertstoffsammlung setzen, bleiben dagegen deutlich darunter.
Mehr Rückgabestellen geplant
Neben der Ausweitung des Pfandsystems will die Regierung vor allem das Netz der Rückgabemöglichkeiten ausbauen. Nach Auffassung des Ministeriums gibt es derzeit insbesondere außerhalb von Supermärkten zu wenige Rückgabestellen. Das betrifft beispielsweise Tankstellen, Kioske oder stark frequentierte Orte wie Bahnhöfe.
Deshalb wird unter anderem geprüft, ob künftig mehr Verkaufsstellen verpflichtet werden sollen, Pfandflaschen und Dosen zurückzunehmen. Gleichzeitig soll der Einsatz sogenannter Bulk-Automaten ausgeweitet werden. Diese Geräte können große Mengen an Flaschen und Dosen gleichzeitig annehmen und haben sich nach Angaben des Ministeriums bereits als besonders verbraucherfreundlich erwiesen.
Die WUR-Studie kommt ebenfalls zu dem Schluss, dass die Niederlande im internationalen Vergleich relativ wenige Rückgabestellen besitzen. Während in Deutschland rechnerisch ein Rückgabepunkt auf rund 640 Einwohner kommt und in Norwegen sogar auf etwa 370 Einwohner, liegt dieser Wert in den Niederlanden derzeit bei rund 2.300 Einwohnern pro Rückgabestelle. Die Forscher sehen darin einen wesentlichen Grund für die vergleichsweise niedrige Rückgabequote.
Hygienefragen sollen gelöst werden
Eine besondere Herausforderung stellen Milch- und Molkereiprodukte dar. Anders als Wasser- oder Softdrinkflaschen können zurückbleibende Produktreste schneller zu Geruchs- und Hygieneproblemen führen.
Nach Angaben der Ministerin arbeitet Verpact deshalb bereits an einem Maßnahmenpaket, das unter anderem eine schnellere Leerung der Automaten sowie zusätzliche Reinigungsmaßnahmen vorsieht. Verkaufsstellen sollen für entstehende Mehrkosten entschädigt werden. Zudem soll geprüft werden, wie insbesondere Flaschen, die direkt am Automaten gepresst werden, hygienisch verarbeitet werden können. Ein entsprechender Maßnahmenplan soll Anfang September veröffentlicht werden.
Die WUR-Forscher bestätigen zwar, dass zusätzliche Anforderungen an Sortierung und Recycling entstehen, halten die technische Umsetzung jedoch grundsätzlich für machbar. Für bestimmte Flaschenarten seien allerdings Anpassungen an Verpackungen oder Recyclingprozessen erforderlich.
Weitere Änderungen vorgesehen
Neben der Ausweitung der Pfandpflicht umfasst das Reformpaket weitere Maßnahmen. So soll künftig der Verkauf pfandpflichtiger Flaschen und Dosen ohne Pfand ausdrücklich verboten werden. Außerdem plant die Regierung eine gesetzliche Berichtspflicht über Sammelquoten und Finanzen des Pfandsystems, um mehr Transparenz über nicht eingelöste Pfandbeträge zu schaffen. Nach Angaben des Ministeriums werden derzeit jährlich rund 130 Millionen Euro an Pfand nicht zurückgefordert und verbleiben im System.
Nach der Sommerpause will die Regierung ihre Pläne konkretisieren. Anschließend soll die Änderung des Verpackungsgesetzes vorbereitet werden. Ziel ist ein Inkrafttreten der neuen Regelungen zum 1. Januar 2028.
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Kommentare
Kommentar von Ela |
Hallo,
meiner Meinung nach ist der Betrag von 15 Cent zu wenig, vielen ist es einfach nicht wert und werfen, vor allem Dosen, einfach weg. Auch ist das Logo zu klein, man muss es mit der Lupe suchen....oft mühsam. Da ist das Recycling Logo in Deutschland viel größer und dadurch viel schneller erkennbar. Wäre vielleicht für die Regierung Nachdenkens wert.
Freundliche Grüße
Ela
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