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Online Drogenkauf mit tödlichen Folgen

| von Redaktion

Beschlagnahmte Drogen. © NVWA
Beschlagnahmte Drogen. © NVWA

ZWOLLE · In Zwolle hat das Openbaar Ministerie bei einer ersten Verhandlung gegen zwei Betreiber der niederländischen Webseite Funcaps schwere Vorwürfe vorgestellt. Die Plattform soll über Jahre hinweg ohne Rezept Medikamente und Designer Drogen an Kundinnen und Kunden verkauft haben. Nach Angaben der Strafverfolgungsbehörden werden inzwischen 49 Todesfälle geprüft, bei denen ein Zusammenhang mit Produkten von Funcaps vermutet wird. Der Inlichtingen en Opsporingsdienst der Nederlandse Voedsel en Warenautoriteit (NVWA) hatte bereits im August in der Provinz Limburg drei Verdächtige festgenommen und große Mengen rezeptpflichtiger Arzneimittel sichergestellt. Der Fall gilt als außergewöhnlich und macht deutlich, wie leicht der Onlinekauf von scheinbar harmlosen Pillen in den Niederlanden zu einem massiven Gesundheitsrisiko werden kann.

Die Ermittlungen gegen die mutmaßlichen Betreiber von Funcaps ziehen sich durch mehrere Behördenebenen. Auslöser war nach Angaben der NVWA ein Hinweis der Inspectie Gezondheidszorg en Jeugd (IGJ) und der Polizei auf eine groß angelegte illegale Arzneimittelstruktur. Daraufhin nahmen Fahnder in Limburg Wohnungen und Firmengebäude unter die Lupe und stellten erhebliche Mengen an Medikamenten sicher, die in den Niederlanden nur mit ärztlichem Rezept und mit behördlicher Genehmigung in den Handel gebracht werden dürfen. Laut NVWA wurden unter anderem Benzodiazepine gefunden, Substanzen gegen Angstzustände und schwere Schlafstörungen, die ein hohes Suchtpotenzial besitzen und bei falscher Dosierung akut lebensgefährlich sein können. Nach Erkenntnissen der Behörde sollen die Verdächtigen diese Mittel ohne Erlaubnis über die Seite funcaps.nl an Kundschaft ohne Rezept verkauft haben. Wie die NVWA berichtet, wurde die Seite daraufhin abgeschaltet, Bankkonten, Kryptoguthaben, Immobilien, Fahrzeuge und Luxusgüter wurden eingefroren, um mutmaßlich illegal erzielte Gewinne später einziehen zu können. Parallel rief die NVWA Personen, die über Funcaps Produkte erworben und dadurch gesundheitliche Probleme erlitten haben, ausdrücklich dazu auf, sich zu melden, um das strafrechtliche Verfahren zu unterstützen und das Ausmaß der Risiken besser zu erfassen.

Strafverfahren in Zwolle und immer mehr Todesfälle

Im Mittelpunkt der Verhandlung in Zwolle stehen zwei Männer aus Limburg, gegen die bereits im Sommer ein Strafverfahren eingeleitet wurde. Wie NOS berichtet, wirft das Openbaar Ministerie ihnen vor, über Funcaps und Nachfolgerseiten ohne Erlaubnis Mittel gegen Angst und schwere Schlafstörungen, Schmerzmittel sowie verschiedene Designer Drogen verkauft zu haben. Zwei der mutmaßlichen Opfer sollen erst 17 Jahre alt gewesen sein, als sie erstmals bei Funcaps bestellten. In mindestens 27 Todesfällen sieht die Polizei nach Angaben der Staatsanwaltschaft einen deutlichen Zusammenhang zu Produkten der Seite, etwa weil entsprechende Substanzen für die Todesursache verantwortlich gewesen sein könnten oder Verpackungen mit der Aufschrift der Plattform in den Wohnungen der Verstorbenen gefunden wurden. Weitere Abgleiche in polizeilichen Datenbanken brachten zusätzliche Verdachtsfälle ans Licht, dazu kamen neue Meldungen von Angehörigen, die ihre Kinder nach der Einnahme solcher Mittel verloren haben. Damit summiert sich die Zahl der Todesfälle, deren genauer Hintergrund nun untersucht wird, auf 49. Wie NOS meldet, spricht die Staatsanwaltschaft von jungen Erwachsenen, die einerseits mit schweren psychischen Belastungen und Suizidgedanken zu kämpfen hatten und andererseits schlicht auf der Suche nach einem besseren Gefühl waren. Besonders tragisch ist, dass manche Eltern die Betreiber der Seite ausdrücklich gebeten haben sollen, keine Pakete mehr an ihre Kinder zu senden, die Lieferungen aber dennoch weiterliefen, teils in unscheinbaren Briefumschlägen mit irreführenden Absenderangaben.

Geschäftsmodell auf Kosten der Gesundheit der Kundschaft

Der Fall zeigt nach Einschätzung der Ermittler ein Geschäftsmodell, das die Not und gesundheitliche Verletzlichkeit der Kundschaft ausnutzt. Wie NOS berichtet, geht die Staatsanwaltschaft davon aus, dass das Unternehmen der Verdächtigen innerhalb von fünf Jahren einen Umsatz von rund 42 Millionen Euro erzielt hat. Verkauft wurden nicht nur klassische Benzodiazepine, sondern auch sogenannte Designer Präparate, die bestehenden Wirkstoffen wie Oxazepam oder Diazepam ähneln, aber leicht veränderte chemische Strukturen besitzen. In den Angeboten tauchten Namen wie Bromazolam, O-DSMT oder Substanzen wie 2-MMC und 2F-Ketamine auf, die in der Praxis als Alternativen zu regulierten Schlafmitteln und Drogen eingesetzt wurden. Durch minimale Änderungen an der chemischen Struktur konnten solche Stoffe nach Angaben der in den Referenzen zitierten Fachleute zeitweise außerhalb des direkten Geltungsbereichs des Arzneimittelrechts oder der Opiumwet angeboten werden. Wie nrc schreibt, stufte das Openbaar Ministerie den Fall als von großem öffentlichen Interesse ein und warnt davor, sich von professionell gestalteten Webseiten mit positiven Bewertungen in falscher Sicherheit wiegen zu lassen. In der Gerichtsverhandlung wurde deutlich, dass die Beschuldigten sich auf englischsprachige Warnhinweise wie die Kennzeichnung der Produkte als Forschungschemikalien und Hinweise, sie seien nicht für den menschlichen Verzehr bestimmt, berufen. Die Staatsanwaltschaft wertet dies jedoch nicht als wirksame Risikobegrenzung, da die Produkte nach der Darstellung in den Medien gezielt an eine private Kundschaft verkauft wurden, die sich Linderung, Entspannung oder Rauscherlebnisse erhoffte.

Funcaps ist inzwischen offline. So sah ein Teil der Website aus. | Screenshot: funcaps.nl
Funcaps ist inzwischen offline. So sah ein Teil der Website aus. | Screenshot: funcaps.nl

Experten schlagen Alarm wegen Designer Medikamenten

Neben den Strafverfolgungsbehörden äußern sich auch Fachleute aus dem Gesundheitsbereich besorgt. Wie NOS berichtet, spricht der Direktor des Instituts für Verantwoord Medicijngebruik von einem Fall, der in seinem Ausmaß einzigartig und sehr ernst sei. Er verweist darauf, dass es nicht nur um eine einzelne Seite geht, sondern dass aktuell dutzende bis hunderte vergleichbare Plattformen aktiv sind, die mit ähnlichen Mitteln handeln. Diese Produkte werden als Designer Medikamente oder Designer Benzodiazepine beschrieben, also als Varianten vorhandener Beruhigungsmittel, für die es noch keine spezifische Regelung gibt. Nach Angaben des Instituts ist für Nutzerinnen und Nutzer nicht ersichtlich, welche genaue Zusammensetzung die Mittel haben, welche Dosierung als sicher gelten könnte und welche Nebenwirkungen zu erwarten sind. Fachleute des Trimbos Instituuts und des Suchtinstituts Jellinek warnen, dass solche dämpfenden Substanzen, insbesondere in Kombination mit anderen Medikamenten oder Alkohol, die Atmung so stark beeinträchtigen können, dass lebensbedrohliche Situationen entstehen. Wie NOS weiter meldet, plant das Institut für Verantwoord Medicijngebruik ein Maßnahmenpaket, das unter anderem vorsieht, alle Substanzen, die bestehenden Benzodiazepinen strukturell ähneln, in die Opiumwet aufzunehmen, um die rechtliche Kontrolle zu stärken. Darüber hinaus sollen Informationskampagnen nicht nur Konsumenten, sondern auch Ärztinnen, Apotheker und andere Gesundheitsfachkräfte auf die Risiken aufmerksam machen.

Schwierige Kontrolle und begrenzte Kapazitäten der Aufsicht

Die rechtliche Verfolgung solcher Onlineangebote erweist sich laut den vorliegenden Berichten als schwierig. Wie NU.nl schreibt, schildern Expertinnen und Experten das Vorgehen gegen Seiten wie Funcaps als eine Art ständiges Hinterherlaufen der Aufsichtsbehörden hinter immer neuen Anbietern. Betreiber könnten ihre Seiten ins Ausland verlagern, dort Server nutzen und die Ware aus grenznahen Regionen in den Versand geben. Teilweise würden Webseiten so aufgebaut, dass sie wie reguläre Online Apotheken wirken, faktisch aber weder Rezepte einfordern noch die Eignung der Besteller prüfen. Hinzu komme, dass viele Aufsichtsbehörden nur über begrenzte personelle Ressourcen verfügen und sich für diese speziellen Produkte zusätzliche Fachkenntnisse benötigen, um die Gefahren rechtzeitig zu erkennen. Wie NU.nl berichtet, benötigen die Aufsichtsbehörden zudem Unterstützung durch das Openbaar Ministerie, sobald es um strafrechtliche Verfolgung geht. Gleichzeitig haben NVWA und IGJ bereits reagiert und in Zusammenarbeit mit internationalen Partnern mehrere Dutzend Webseiten abgeschaltet, die ohne Kontrolle verschreibungspflichtige Arzneimittel im Internet angeboten hatten. Trotz dieser Maßnahmen sprechen verschiedene Fachleute von einem anhaltend großen Problemfeld, in dem die Zahl der Anbieter und Produkte weiter steigt.

Warnung an Verbraucherinnen und Verbraucher

In allen vorliegenden Referenztexten ziehen Behörden und Fachleute einen gemeinsamen Schluss. Die NVWA und die IGJ raten ausdrücklich davon ab, Medikamente im Internet zu bestellen, die normalerweise nur auf ärztliches Rezept erhältlich sind. Wie die NVWA ausführt, fehlt bei solchen Angeboten jede Kontrolle über Zusammensetzung, Dosierung und Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln. Auch das Openbaar Ministerie nutzt den Fall Funcaps nach Angaben von NOS und nrc, um die Öffentlichkeit zu sensibilisieren. Die Strafverfolger betonen, dass es aus gutem Grund Ärztinnen, Ärzten und Apotheken vorbehalten ist, starke Medikamente zu verschreiben und abzugeben. Expertinnen und Experten, die bei NOS und NU.nl zu Wort kommen, unterstreichen, dass Menschen, die solche Mittel über intransparente Webseiten beziehen, letztlich an sich selbst experimentieren und vielfach gar nicht einschätzen können, wie hoch ihr persönliches Risiko tatsächlich ist. Vor diesem Hintergrund fordern Institutionen wie das Institut für Verantwoord Medicijngebruik, das Trimbos Instituut und Suchtberatungsstellen neben schärferen gesetzlichen Regelungen mehr Aufklärung, damit insbesondere junge Menschen gar nicht erst in Versuchung geraten, hochwirksame Arzneimittel und Designer Drogen mit wenigen Mausklicks zu bestellen.

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