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Milliarden für grünes Stahlprojekt

| von Redaktion

Foto: Alf van Beem, via Wikimedia Commons, Public Domain (CC0 1.0)
Foto: Alf van Beem, via Wikimedia Commons, Public Domain (CC0 1.0)

IJMUIDEN · Kabinett, Tata Steel und die Provinz Noord-Holland haben eine gemeinsame Absichtserklärung unterzeichnet, um die hochumstrittene Stahlproduktion in IJmuiden grundlegend zu verändern. Die Joint Letter of Intent (JLoI) sieht vor, dass die niederländische Regierung bis zu zwei Milliarden Euro in die Umstellung auf grünere Verfahren investiert, während Tata selbst Milliarden zuschießt. Geplant sind der Bau einer neuen Direktreduktionsanlage mit Elektrolichtbogenofen, der Einsatz von Biomethan und Wasserstoff sowie Maßnahmen zur CO2-Abscheidung und -Speicherung. Ziel ist es, die Emissionen schädlicher Stoffe sowie die Lärmbelastung deutlich zu reduzieren. Das Projekt soll langfristig mehr als fünf Prozent der gesamten niederländischen CO2-Emissionen einsparen und die Gesundheitsrisiken für Anwohner spürbar senken.

Die nun unterzeichnete Absichtserklärung markiert einen Meilenstein in einem jahrelangen Verhandlungsprozess zwischen Regierung, Unternehmen und regionalen Interessengruppen. Bereits 2022 wurde ein erstes Grundsatzpapier („Expression of Principles“) abgeschlossen, dem Berichte des RIVM und Expertenempfehlungen folgten. Kern des jetzigen Pakets sind umfangreiche Investitionen in neue Technik: Tata Steel will einen mit Erdgas startenden, später auf Biomethan oder Wasserstoff umstellbaren Direktreduktionsprozess mit Elektrolichtbogenofen einführen. Ergänzend wird CO2 aus den Prozessen abgeschieden und gespeichert. Zudem sind zusätzliche Maßnahmen für die Anwohner vorgesehen, darunter Überdachungen von Rohstofflagern, bessere Lärmschutzprogramme und die Modernisierung der Schlackenverarbeitung. Laut dem Kabinett trägt der Staat bis zu zwei Milliarden Euro, Tata Steel und Mutterkonzern Tata Steel Limited bringen rund drei Milliarden Euro auf, weitere Mittel sollen über Banken und europäische Fonds kommen. Die Gesundheitsbelastung durch Feinstaub, Stickstoff und Schwermetalle soll dabei deutlich sinken, auch wenn Kritiker wie die Bürgerinitiative „Frisse Wind“ warnen, dass harte Garantien und frühere Schließungen alter Koksanlagen im Paket fehlen.

Gesundheit und Umwelt im Fokus

Die Absichtserklärung enthält erstmals konkrete Vorgaben für eine deutliche Verringerung von Feinstaub (PM10 und PM2,5), Stickstoffdioxid, Schwermetallen wie Chrom-6 und Nickel sowie für weniger Lärm- und Geruchsbelastung. Die Regierung stellte klar, dass die Maßnahmen über bestehende gesetzliche Anforderungen hinausgehen. Dennoch kritisieren Experten, dass verbindliche Gesundheitsgewinne noch nicht ausreichend gesichert seien. Die Expertgroep Gezondheid IJmond hatte zuvor gefordert, Ergebnisse in Disability-Adjusted Life Years (DALY) zu messen und zusätzliche Schritte für ultrafeine Partikel und besonders besorgniserregende Stoffe festzuschreiben.

Technische Umsetzung und Zeitplan

Herzstück ist der Bau einer neuen Direktreduktionsanlage (DRP) kombiniert mit einem Elektrolichtbogenofen (EAF). Sie soll ab 2030 eine Kohlenhochofenlinie ersetzen und zunächst mit Erdgas betrieben werden. Später ist die Umstellung auf Biomethan und Wasserstoff vorgesehen. Ergänzt wird die Technik durch eine CO2-Abscheidung, die perspektivisch auch negative Emissionen ermöglichen könnte. Parallel investiert Tata in Schallschutz, Überdachungen und Verbesserungen der Rohstofflogistik. Kritiker bemängeln jedoch die lange Laufzeit alter Anlagen wie der Koksfabrik 2, deren endgültige Schließung erst 2029 geplant ist.

Finanzen und staatliche Unterstützung

Die Gesamtkosten des Pakets liegen zwischen vier und 6,5 Milliarden Euro. Der niederländische Staat übernimmt maximal zwei Milliarden Euro, unterteilt in 1,2 Milliarden Investitionszuschuss, 200 Millionen Euro als Darlehen (bei Umstellung auf Wasserstoff oder Biomethan als Zuschuss wandelbar) sowie 600 Millionen für Gesundheits- und Umweltmaßnahmen. Tata Steel und Tata Steel Limited tragen den Rest. Damit liegt der staatliche Förderanteil unter dem Schnitt ähnlicher Projekte in Deutschland oder Frankreich, wo bis zu zwei Drittel staatlich finanziert wurden.

Offene Punkte und Kritik

Die Vereinbarung muss noch durch eine öffentliche Konsultation und eine Genehmigung der Europäischen Kommission. Zudem bleibt die konkrete Ausgestaltung vieler Details offen, etwa verbindliche Ziele für ultrafeine Partikel oder strengere Kontrollen durch unabhängige Stellen. Bürgerinitiativen kritisieren, dass das Vertrauen in das Unternehmen nach Jahren von Verstößen und Verfahren gering sei. Für die Regierung ist die Vereinbarung dennoch ein entscheidender Schritt: ohne sie sei weder die notwendige Reduktion von sieben Millionen Tonnen CO2 pro Jahr noch eine spürbare Entlastung für Anwohner erreichbar.

Foto: Alf van Beem, via Wikimedia Commons, Public Domain (CC0 1.0)

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