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Mehrwertsteuerstreit bedroht Tourismus

| letzte Änderung 09.09.2025 21:42 | von Redaktion

Der Tourismus in den Niederlanden kann auflaufen. | Foto: HOLLAND.guide
Der Tourismus in den Niederlanden kann auflaufen. | Foto: HOLLAND.guide

AMSTERDAM · Hotels, Ferienparks und Gastgewerbe unter Druck: Die geplante Erhöhung der Mehrwertsteuer auf Übernachtungen von 9 auf 21 Prozent sorgt für wachsende Proteste in den Niederlanden. Unternehmer, Verbände und Kommunen warnen vor einem massiven Rückgang an Gästen und einer Abwanderung von Touristen ins Ausland. Laut Berechnungen könnten Staat und Wirtschaft statt eines Gewinns einen Schaden von über einer halben Milliarde Euro erleiden. Am Dienstag wird die Zweite Kammer über eine Antragsvorlage abstimmen, die eine Rücknahme der Maßnahme fordert.

Die geplante Steuermaßnahme sorgt bereits im Vorfeld für heftige Diskussionen zwischen Politik, Wirtschaft und Tourismusverbänden. Während das Finanzministerium ursprünglich Mehreinnahmen von insgesamt 666 Millionen Euro* einkalkuliert hatte, zeigen verschiedene Studien und Einschätzungen ein gegenteiliges Bild, schreibt De Telegraaf heute. Nach Berechnungen von Tourismusökonomen und Branchenvertretern droht ein Verlust von rund 511 Millionen Euro an Steuereinnahmen, wenn ausländische Besucher und ein erheblicher Teil der niederländischen Gäste ihre Urlaube künftig im günstigeren Ausland verbringen. Besonders betroffen wären deutsche und belgische Touristen, die bisher zu den wichtigsten Besuchergruppen zählen. In der Grenzregion könnte die Verteuerung dramatische Folgen haben, da ein Wechsel ins benachbarte Ausland für Reisende nur wenige Kilometer entfernt liegt. Branchenvertreter warnen, dass der wirtschaftliche Schaden weit über Hotels und Ferienparks hinausgeht und auch Gastronomie, Einzelhandel, Autovermieter, Museen und selbst die Landwirtschaft treffen wird. Zahlreiche Unternehmen sprechen von einer existenzbedrohenden Entwicklung, da steigende Energiepreise, Lohnkosten und Inflation bereits hohe Belastungen darstellen und eine zusätzliche Steuersteigerung nicht mehr aufgefangen werden kann.

*Das Finanzministerium habe eine Erwartung von 364 Millionen Euro Mehreinnahmen bei Hotels und 302 Millionen Euro bei Ferienparks eingeplant, in der Summe 666 Millionen Euro.

Update 9. September 2025: Die von den Abgeordneten Thijssen (GroenLinks-PvdA) und Beckerman (SP) eingebrachte Motie, die eine Rücknahme der geplanten Mehrwertsteuererhöhung auf Übernachtungen forderte, wurde in der Zweiten Kammer vorerst „aangehouden“. Das bedeutet, dass der Antrag nicht sofort abgestimmt wurde, sondern zunächst zurückgestellt ist. Er kann zu einem späteren Zeitpunkt erneut aufgegriffen und zur Abstimmung gebracht werden.

Kritik von Hotellerie und Tourismusverbänden

Die Koninklijke Horeca Nederland (KHN) übergab der Zweiten Kammer jüngst ein Magazin mit dem Titel „Slapeloze nachten“ (Schlaflose Nächte), das zahlreiche Unternehmerberichte enthält. Darin schildern Hoteliers, Ferienparkbetreiber und B&Bs, wie die Steuerpläne Investitionen blockieren, Arbeitsplätze gefährden und die Attraktivität ganzer Regionen schwächen. KHN-Vorsitzende Marijke Vuik warnte zudem, dass die ursprünglichen Berechnungen des Finanzministeriums von lediglich 6,75 Prozent weniger Übernachtungen völlig unrealistisch seien. Laut alternativen Studien müsse mit bis zu 30 Prozent weniger Übernachtungen gerechnet werden.

Auswirkungen auf Gäste und Regionen

Die Folgen treffen nicht nur internationale Besucher. Auch niederländische Familien könnten verstärkt ins Ausland ausweichen. Bereits ein Viertel der Inlandsurlauber erwägt laut Berechnungen, künftig nicht mehr in den Niederlanden zu bleiben. Das hätte nicht nur Konsequenzen für Hoteliers, sondern auch für kommunale Einnahmen, wie etwa die Touristensteuer. In Orten wie Zandvoort, die stark vom Sommertourismus abhängen, fürchtet die Gemeindeverwaltung gravierende Einschnitte in die lokale Wirtschaft und das gesellschaftliche Leben.

Internationale Wettbewerbsnachteile

Vergleiche mit den Nachbarländern verstärken die Kritik. Während Deutschland und Belgien Übernachtungen mit einem reduzierten Satz von rund 6 Prozent besteuern, würde die Niederlande mit 21 Prozent deutlich teurer. Insbesondere für Reisende in der Grenzregion könnte ein kurzer Ausflug über die Grenze erheblich günstigere Angebote ermöglichen. Dieser Wettbewerbsnachteil trifft nach Einschätzung der Branche besonders hart, da deutsche Gäste 2024 rund 7,8 Milliarden Euro zur niederländischen Wirtschaft beitrugen.

Stimmen aus der Branche

Unternehmer berichten von dramatischen Szenarien: Das Theaterhotel Venlo sieht seine Wettbewerbsfähigkeit verloren, Boutique-Hotelbetreiber sprechen von einem „Guillotine-Effekt“ und größere Ketten kündigen bereits an, Investitionen zu stoppen. Auch Ferienparkbetreiber betonen, dass sie dringend gute Betriebsergebnisse benötigen, um in Nachhaltigkeit und Modernisierung investieren zu können. Die Steuerpläne gefährden diese Entwicklungen massiv.

Politische Debatte im Parlament

In der Zweiten Kammer liegt inzwischen ein geänderter Antrag der Abgeordneten Thijssen (GroenLinks-PvdA) und Beckerman (SP) vor. Diese fordert die Rücknahme der geplanten Steuererhöhung und den Verbleib beim derzeitigen Satz von 9 Prozent. Die Abgeordneten begründen ihren Vorstoß damit, dass die geplante Maßnahme für Menschen mit normalen Einkommen eine erhebliche Belastung darstelle und gleichzeitig die Unternehmer in der Tourismusbranche gefährde. Am Dienstag soll über diesen Antrag abgestimmt werden.

Belastungen durch Kostensteigerungen

Neben der Steuerdebatte verweisen Hoteliers auf die ohnehin gestiegenen Belastungen. Energiepreise, steigende Löhne und eine hohe Inflation hätten die Margen bereits ausgereizt. Viele Betriebe könnten die zusätzlichen Steuerkosten nicht mehr auffangen und sehen sich gezwungen, Preise zu erhöhen oder Investitionen einzufrieren. Ein Teil der Unternehmen spricht offen von der Gefahr der Geschäftsaufgabe, sollte die geplante Regelung in Kraft treten.

Bedeutung für die Gesamtwirtschaft

Tourismus ist ein bedeutender Wirtschaftsfaktor in den Niederlanden. Laut Centraal Bureau voor de Statistiek lag der Beitrag der Branche im vergangenen Jahr bei 111 Milliarden Euro des Bruttoinlandsprodukts. Die Verflechtung mit anderen Bereichen zeigt, dass ein Rückgang der Gäste weitreichende Konsequenzen haben könnte. Der Effekt reicht von weniger Übernachtungen über sinkende Gastronomieumsätze bis hin zu reduzierten Steuereinnahmen für den Staat.

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