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Mehr Euthanasie durch gesellschaftlichen Wandel

| von Redaktion

Archivbild | Quelle: HOLLAND.guide
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NIJMEGEN · Die Zahl der Euthanasiefälle in den Niederlanden ist in den vergangenen 25 Jahren deutlich gestiegen. Nach einer Untersuchung von Radboudumc, UMC Utrecht und Amsterdam UMC nahm die Zahl der gemeldeten Euthanasien zwischen 1999 und 2024 von gut 2.000 auf fast 10.000 pro Jahr zu. Der Anteil an allen Todesfällen stieg im selben Zeitraum von 1,6 auf 5,8 Prozent. Die Forscher sehen darin vor allem eine Folge gesellschaftlicher Veränderungen und keine Veränderung der gesetzlichen Regelungen. Demnach tragen unter anderem die Alterung der Bevölkerung, eine stärkere Betonung der persönlichen Selbstbestimmung, ein veränderter Umgang mit dem Lebensende sowie eine größere gesellschaftliche Akzeptanz dazu bei. Gleichzeitig verweisen die Autoren auf neue Herausforderungen für Ärzte und das Gesundheitssystem.

Die Untersuchung wurde im Auftrag des niederländischen Gesundheitsministeriums durchgeführt und am Donnerstag an Gesundheitsministerin Sophie Hermans übergeben. Nach Angaben der beteiligten Universitätskliniken blieb das Euthanasiegesetz während des gesamten Untersuchungszeitraums unverändert. Verändert habe sich jedoch die praktische Anwendung. Während Ende der 1990er Jahre rund 90 Prozent der Euthanasiefälle auf eine Krebserkrankung zurückgingen, lag dieser Anteil 2024 nur noch bei 54 Prozent. Zugenommen haben dagegen Euthanasien bei einer Kombination verschiedener Erkrankungen, bei Demenz, altersbedingten Mehrfacherkrankungen sowie psychischen Erkrankungen. Parallel dazu stieg der Anteil der Euthanasien an allen Todesfällen auf 5,8 Prozent. Die Forscher führen diese Entwicklung auf mehrere gesellschaftliche Faktoren zurück.

Dazu gehören die zunehmende Lebenserwartung und die wachsende Zahl älterer Menschen mit chronischen Erkrankungen. Gleichzeitig legen viele Menschen heute größeren Wert auf persönliche Entscheidungen am Lebensende. Auch religiöse Überzeugungen stehen einer Euthanasie nach Einschätzung der Wissenschaftler seltener entgegen als früher. Hinzu kommt eine stärkere öffentliche Diskussion über Lebensqualität und Sterben. Euthanasie sei dadurch sichtbarer, häufiger Gesprächsthema und gesellschaftlich breiter akzeptiert geworden. Mehr Patienteninformationen, die Berichterstattung in Medien und sozialen Netzwerken sowie ein stärkerer Fokus auf palliative Versorgung hätten ebenfalls dazu beigetragen.

Gleichzeitig sprechen Ärzte das Thema nach Angaben der Studie häufiger frühzeitig mit ihren Patienten an. Detailliertere medizinische Leitlinien und umfangreiche Fortbildungsangebote hätten zudem die Rechtssicherheit für Ärzte verbessert. Dennoch werde die Durchführung einer Euthanasie weiterhin als außergewöhnliche ärztliche Handlung empfunden, die moralisch belastend, emotional anspruchsvoll und zeitintensiv sei.

Gesellschaftlicher Wandel prägt Entwicklung

Nach Einschätzung der Forscher erklärt sich der Anstieg der Euthanasiefälle vor allem durch Veränderungen innerhalb der Gesellschaft. Die Kombination aus einer älter werdenden Bevölkerung, längeren Krankheitsverläufen und einem stärkeren Wunsch nach Selbstbestimmung habe dazu geführt, dass mehr Menschen das Thema Euthanasie ansprechen. Gleichzeitig werde das Lebensende heute häufiger frühzeitig mit Ärzten besprochen. Auch die zunehmende Offenheit in der öffentlichen Debatte sowie bessere Informationen für Patienten hätten dazu beigetragen, dass Erwartungen und Wünsche häufiger thematisiert werden.

Die Autoren betonen zugleich, dass weder die wissenschaftliche Literatur noch die Teilnehmer der qualitativen Untersuchung den Anstieg der Euthanasiefälle grundsätzlich als moralisch problematisch bewerten. Vielmehr werde die Entwicklung überwiegend als nachvollziehbare Folge gesellschaftlicher Veränderungen gesehen. Viele der befragten Bürger, Fachleute und Betroffenen äußerten Vertrauen in das bestehende niederländische System.

Ärzte sehen wachsende Erwartungen

Gleichzeitig beschreibt die Studie mehrere Spannungsfelder. Nach Angaben der Forscher entsteht bei manchen Patienten und Angehörigen der Eindruck, Euthanasie sei ein einklagbares Recht. Dadurch entstünden teilweise hohe oder unrealistische Erwartungen an behandelnde Ärzte. Die Wissenschaftler betonen jedoch ausdrücklich, dass Euthanasie nach niederländischem Recht kein Anspruch ist.

Sie empfehlen deshalb, weiterhin umfassend über andere Formen der Sterbebegleitung und palliative Versorgung zu informieren. Leitlinien, medizinische Ausbildung und eine sachliche Patientenaufklärung seien wichtige Voraussetzungen, damit Entscheidungen am Lebensende sorgfältig getroffen werden können.

Besondere Zurückhaltung bei bestimmten Patientengruppen

Deutlich kontroverser wird Euthanasie nach den Ergebnissen der Untersuchung bei Menschen mit psychischen Erkrankungen oder fortgeschrittener Demenz bewertet. Viele befragte Fachkräfte und Betroffene sprechen sich in diesen Fällen für besondere Zurückhaltung aus.

Die Forscher empfehlen deshalb, für diese Patientengruppen gezielt angepasste politische und medizinische Konzepte zu entwickeln. Die unterschiedlichen ethischen Fragestellungen machten eine einheitliche Betrachtung aller Euthanasiefälle nach ihrer Einschätzung nicht sinnvoll.

Druck auf das Gesundheitssystem

Ein weiterer Aspekt der Untersuchung betrifft die Situation im Gesundheitswesen. Nach Einschätzung der Wissenschaftler können Engpässe in der Altenpflege, der häuslichen Palliativversorgung sowie Probleme in der psychiatrischen Versorgung Euthanasiewünsche verstärken oder begünstigen. Wenn Patienten den Eindruck gewinnen, dass sich ihre Lebensqualität wegen personeller oder organisatorischer Probleme verschlechtert, könne dies ihre Entscheidung beeinflussen.

Die Autoren betonen deshalb, dass eine gut erreichbare und qualitativ hochwertige palliative Versorgung eine wesentliche Voraussetzung für die sorgfältige Anwendung der bestehenden Euthanasiegesetzgebung ist. Ob die Belastung des Gesundheitssystems unmittelbar zu mehr Euthanasiewünschen führt, lasse sich auf Grundlage der Untersuchung jedoch nicht abschließend beantworten. Nach Ansicht der Forscher besteht hierzu weiterer Forschungsbedarf. Die niederländische Regierung will im September 2026 mit einer politischen Stellungnahme auf die Ergebnisse reagieren.

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