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König nennt Oranje-Vergangenheit erschütternd

| von Redaktion

Paleis Noordeinde in Den Haag | Foto: DACHIST.org
Paleis Noordeinde in Den Haag | Foto: DACHIST.org

LEIDEN · König Willem-Alexander hat die Ergebnisse einer umfassenden Untersuchung zur kolonialen Vergangenheit des Hauses Oranje-Nassau als „schmerzlich und konfrontierend“ bezeichnet. Mehr als 60 Wissenschaftler untersuchten die Rolle der königlichen Familie vom späten 16. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Demnach unterstützten die Oranjes über Jahrhunderte den Kolonialismus und profitierten finanziell davon, hatten aber mit Ausnahme von König Willem I. meist nur begrenzten direkten Einfluss auf die niederländische Kolonialpolitik. Die Untersuchung zeichnet damit ein deutlich belastenderes Bild der historischen Rolle des Königshauses, als eine Betrachtung allein seiner politischen Macht vermuten ließe.

König Willem-Alexander nahm die Ergebnisse am Freitag im Academiegebouw der Universität Leiden entgegen. Den Auftrag zu der unabhängigen Untersuchung hatte er selbst im Dezember 2022 erteilt und den Forschern dabei Zugang zu den königlichen Archiven gewährt. Nach Angaben des Forschungsteams mischten sich weder der Dienst des Königlichen Hauses noch politische Stellen in Aufbau, Durchführung oder Schlussfolgerungen ein. Das Ergebnis umfasst fünf Bücher und mehr als 2.000 Seiten. Forschungsleiter Gert Oostindie fasste die zentrale Erkenntnis so zusammen, dass alle Statthalter, Könige und Königinnen bis einschließlich Wilhelmina von der Legitimität des Kolonialismus und seiner Bedeutung für die Niederlande überzeugt gewesen seien.

Das Haus Oranje-Nassau habe den Kolonialismus aktiv unterstützt, einschließlich der Sklaverei, solange diese bestand. Koloniale Kriegsführung und die gewaltsame Niederschlagung von Aufständen seien von den Oranjes als notwendig und gerechtfertigt angesehen worden. Bis zum Amtsantritt von Königin Juliana im Jahr 1948 sei aus den Oranje-Palästen keine grundsätzliche Kritik am Kolonialismus gekommen. Willem-Alexander sagte bei der Übergabe, die Ergebnisse berührten ihn. Ohne eine Anerkennung dessen, was geschehen sei, könne es aus seiner Sicht keinen weiteren Schritt zu neuem Vertrauen geben.

Oranjes unterstützten koloniales System aktiv

Die Untersuchung unterscheidet deutlich zwischen politischer Entscheidungsmacht und Unterstützung des kolonialen Systems. Nach Einschätzung der Forscher waren die Oranjes nur in Ausnahmefällen bestimmend für die niederländische Kolonialpolitik. Eine zentrale Ausnahme war König Willem I., der von 1813 bis 1840 regierte und weitgehend selbst über den kolonialen Kurs bestimmen konnte.

Die Statthalter vor seiner Zeit waren stärker von den Generalstaaten und der mächtigen Vereinigten Ostindischen Kompanie VOC abhängig. Bei den späteren konstitutionellen Monarchen nahm der politische Einfluss des Königshauses mit der wachsenden Bedeutung des Parlaments weiter ab.

Dennoch spielten die Oranjes nach Einschätzung der Forscher eine bedeutende Rolle bei der gesellschaftlichen und symbolischen Legitimation des Kolonialismus. Willem I. suchte 1828 demnach sogar nach Möglichkeiten, bestehende Gesetze gegen den Sklavenhandel zu umgehen.

Oostindie kommt deshalb zu dem Schluss, dass die Niederlande wahrscheinlich auch ohne die Oranjes zu einer Kolonialmacht geworden wären. Das entlaste das Königshaus jedoch nicht von seiner eigenen Verantwortung. Die Familie sei aus Überzeugung beteiligt gewesen und habe über Jahrhunderte keine grundlegenden Einwände gegen das koloniale System erkennen lassen.

Rund eine halbe Milliarde Euro Gewinn

Auch finanziell profitierte das Haus Oranje-Nassau vom Kolonialismus. Besonders wichtig waren dabei zunächst die VOC und später Niederländisch-Indien. Nach den Berechnungen der Forscher erzielten die Oranjes allein im 19. Jahrhundert umgerechnet rund eine halbe Milliarde Euro aus kolonialen Interessen.

An der transatlantischen Sklaverei und dem Sklavenhandel in der Karibik verdiente die Familie dagegen kaum. Die Forscher führen dies nicht auf eine bewusste Distanzierung zurück, sondern vor allem darauf, dass die Westindische Kompanie wirtschaftlich wenig erfolgreich war und den Oranjes eher Verluste brachte.

Zusätzlich erhielten Mitglieder des Hauses Oranje aufgrund ihrer Funktionen Zahlungen von kolonialen Unternehmen. Über einen Zeitraum von rund zwei Jahrhunderten beliefen sich diese nach heutiger Umrechnung auf etwa 86 Millionen Euro.

Das heutige Vermögen des Königshauses lässt sich nach den Forschungsergebnissen allerdings nicht einfach auf diese Einnahmen zurückführen. Statthalter Willem V. verließ die Niederlande 1795 beispielsweise in finanziell schwierigen Verhältnissen.

König spricht von fehlendem Gegenentwurf

Willem-Alexander erklärte bei der Präsentation, die Untersuchung gehe über seine bisherigen Äußerungen zur kolonialen Vergangenheit hinaus. Sie zeige nicht nur das fehlende Eingreifen früherer Statthalter und Könige, sondern auch die aktive Unterstützung von Kolonialismus und Sklaverei, einschließlich der Zustimmung zur gewaltsamen Unterdrückung von Widerstand.

Zugleich verwies der König darauf, dass die damaligen Herrscher von den in ihrer Zeit verbreiteten Auffassungen geprägt gewesen seien. Dies ändere für ihn jedoch nichts daran, dass bis zur Zeit seiner Großmutter Juliana ein gegenläufiges oder kritisches Führungsverhalten gefehlt habe, das möglicherweise einen Unterschied hätte machen können.

Bereits am 1. Juli 2023 hatte Willem-Alexander für das Versäumnis seiner Vorfahren, gegen die atlantische Sklaverei einzuschreiten, um Vergebung gebeten. Forschungsleiter Oostindie bezeichnete diese Aussage nun als zutreffend. Nach Einschätzung der Forscher geht die historische Verantwortung des Hauses Oranje-Nassau allerdings über bloßes Nichtstun hinaus.

Untersuchung soll kein Schlusspunkt sein

Für Willem-Alexander ist die Veröffentlichung der Untersuchung nach eigenen Worten keine abschließende Aufarbeitung. Er bezeichnete sie vielmehr als Ansporn für die Gegenwart und Zukunft. Die Vergangenheit könne er nicht verändern, wohl aber versuchen, heute einen positiven Beitrag zu leisten.

Das Forschungsprojekt wurde von einer vierköpfigen Kommission unter Leitung des emeritierten Leidener Professors für Kolonial- und Postkolonialgeschichte Gert Oostindie geführt. Zur Kommission gehörten außerdem die Historikerin Esther Captain, die frühere Politikerin Kathleen Ferrier und der Historiker Henk te Velde. Insgesamt waren mehr als 60 Wissenschaftler beteiligt.

Die Untersuchung behandelt den Zeitraum vom späten 16. Jahrhundert bis zur postkolonialen Gegenwart. Die fünf Veröffentlichungen umfassen unter anderem biografische und thematische Studien, einen internationalen Vergleich sowie das zusammenfassende Buch „Oranje en de Koloniën, 1600-2025“.

Lob, Forderungen und Kritik nach Veröffentlichung

Organisationen, die sich mit der niederländischen Kolonial- und Sklavereigeschichte befassen, reagierten überwiegend positiv auf die Veröffentlichung, verbanden dies jedoch teilweise mit weitergehenden Forderungen, schreibt NOS.

Bianca Groen Gallant vom Wissensinstitut für die niederländische Sklavereigeschichte Ninsee sieht in dem Bericht vor allem eine wissenschaftliche Bestätigung bereits bekannter Zusammenhänge. Für sie müsse nun die Diskussion über die Folgen für Betroffene und deren Nachkommen weitergeführt werden. Auch dem Bildungsbereich komme dabei eine wichtige Rolle zu.

Diana Vlet von der Stiftung SHS-GI kritisierte dagegen, dass das Schicksal versklavter indigener Menschen in Suriname und im karibischen Raum weiterhin zu wenig Beachtung finde.

Yvonne van Genugten vom Indisch Herinneringscentrum hob insbesondere die finanziellen Gewinne des Hauses Oranje-Nassau aus der kolonialen Ausbeutung Niederländisch-Indiens hervor. Für sie zeigt der Bericht zugleich, dass sich die Aufarbeitung nicht allein auf die transatlantische Sklaverei konzentrieren dürfe.

Auch Peggy Brandon vom entstehenden Nationaal Slavernijmuseum verwies auf die Bedeutung des Schulunterrichts und darauf, dass historische Zusammenhänge vollständiger vermittelt werden müssten.

Aktivist gibt königliche Auszeichnung zurück

Deutlich kritischer reagierte der Antirassismusaktivist Mitchell Esajas. Er kündigte an, die königliche Auszeichnung zurückzugeben, die er 2023 für seinen Einsatz gegen Diskriminierung und Rassismus erhalten hatte. Nach seiner Auffassung reichen Worte über Versöhnung und Verbindung nicht aus. Er fordert einen nationalen Weg zur Wiedergutmachung.

Premierminister Jetten erklärte am Freitag, dass keine neuen Zahlungen vorgesehen seien. Das Kabinett hatte 2023 bereits 200 Millionen Euro bereitgestellt, unter anderem für Gedenken und Bildungsmaßnahmen. Jetten äußerte die Hoffnung, dass die nun veröffentlichte Untersuchung zur Versöhnung beitragen könne.

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