Gondelbahn statt Fähre über die Westerschelde
| von Redaktion
VLISSINGEN · Ein visionäres Projekt sorgt für Aufsehen in Zeeland. Die Bürgerinitiative Zeeland Tolvrij schlägt vor, das Fahrrad- und Fußgängerfährschiff zwischen Breskens und Vlissingen durch eine Gondelbahn zu ersetzen. Die geplante Seilbahn könnte die 6 Kilometer lange Strecke in rund 7 bis 15 Minuten bewältigen, wäre sturmfest bis 100 km/h und böte Platz für tausende Passagiere pro Stunde. Nach Angaben der Initiatoren sind die Investitionskosten vergleichbar mit neuen Fähren, die Betriebskosten jedoch deutlich niedriger. Damit rückt erstmals eine günstigere Überfahrt für Fußgänger und Radfahrer in realistische Nähe.
Die Initiative Zeeland Tolvrij hat in den vergangenen Jahren wiederholt für eine mautfreie Nutzung der Westerschelde-Tunnelverbindung gekämpft. Nachdem Autofahrer inzwischen ohne Gebühr die Unterquerung nutzen können, möchte die Gruppe nun auch für Radfahrer und Fußgänger eine kostengünstige und zuverlässige Lösung erreichen. Ihr jüngster Vorschlag ist spektakulär: Eine Gondelbahn, die hoch über der Westerschelde verläuft und in regelmäßigen Abständen Kabinen für Fußgänger, Radfahrer und sogar elektrische Zweiräder bereitstellt. Nach Darstellung der Gruppe könnte die Strecke in 7 bis 15 Minuten zurückgelegt werden. Während die aktuellen Fährverbindungen anfällig für Ausfälle bei starkem Wind sind und erhebliche jährliche Betriebskosten verursachen, verspricht die Gondelbahn eine sturmfeste Alternative mit deutlich höherer Kapazität. Nach Einschätzung der Befürworter könnten so nicht nur mehr Passagiere transportiert, sondern auch die Ticketpreise auf das Niveau des öffentlichen Nahverkehrs gesenkt werden. Damit würde erstmals eine Überfahrt im Bereich von 2,50 bis 3 Euro möglich, während die Fähre derzeit wesentlich teurer ist.
Technische Möglichkeiten und internationale Vorbilder
Wie das AD berichtet, verweist die Initiative auf Beispiele aus aller Welt. In Kanada verbindet die „Peak to Peak“-Bahn zwei Berggipfel, in Vietnam überspannt eine fast 8 Kilometer lange Gondelverbindung die See. Auch in europäischen Städten wie Koblenz oder London hat sich die Technologie als zuverlässiges Verkehrsmittel bewährt. Mit Pylonen von bis zu 120 Metern Höhe, vergleichbar mit modernen Windturbinen, könnte auch in Zeeland eine Seilbahn über der Schifffahrtsroute installiert werden. Damit bliebe selbst für große Containerschiffe ausreichend Durchfahrtshöhe.
Wirtschaftliche Argumente
Nach Angaben von Schuttevaer betragen die geschätzten Investitionskosten 80 bis 100 Millionen Euro. Auf lange Sicht lägen die laufenden Kosten jedoch erheblich niedriger als bei den Fähren. Während deren Betrieb jährlich mehr als 6 Millionen Euro verschlingt, sei der Unterhalt einer Gondelbahn deutlich günstiger. Auch die Lebensdauer spricht für das Projekt: Fähren werden über 25 Jahre abgeschrieben, eine Seilbahn könnte bis zu 40 Jahre genutzt werden. Die Initiative hält es deshalb für möglich, eine tolfreie Überfahrt zu ermöglichen, da die Einnahmen bereits mit moderaten Ticketpreisen kostendeckend sein könnten.
Kapazität und Fahrkomfort
Omroep Zeeland hebt hervor, dass die Gondelbahn pro Stunde 3.000 bis 5.000 Fahrgäste befördern könnte, inklusive Fahrräder und Elektromobile. Alle 35 bis 45 Sekunden würde eine Kabine abfahren. Damit gäbe es praktisch keine Wartezeiten, anders als bei der derzeitigen Fährverbindung. Selbst bei Sturm mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 100 km/h soll das System einsatzfähig bleiben. Für die Reisenden wäre die Gondelfahrt nicht nur schneller, sondern auch ein besonderes Erlebnis: In bis zu 100 Metern Höhe böte sich ein einzigartiger Blick über Zeeland und Teile Flanderns.
Symbolcharakter für Zeeland
Die Initiative sieht in dem Projekt mehr als nur eine Transportlösung. Eine Gondelbahn könnte zu einem Wahrzeichen der Region werden und zusätzliche Touristen anlocken. „Ein echtes Zeeuws icoon“ nennt Schuttevaer den Plan. Auch Omroep Zeeland betont, dass die Seilbahn sowohl praktisch als auch attraktiv sei und eine neue Perspektive auf die Westerschelde eröffnen würde.
Politische Einschätzungen und Hürden
Die Provinz Zeeland zeigt sich bislang zurückhaltend. Laut AD betont der zuständige Politiker Harry van der Maas, dass technische Machbarkeit nicht gleichbedeutend mit Umsetzbarkeit sei. Sicherheitsaspekte müssten genau geprüft werden, insbesondere die Gefahr von Schiffskollisionen mit den Stützpfeilern. Dennoch sei es sinnvoll, Alternativen zu untersuchen, auch wenn er persönlich Zweifel habe. Für die Realisierung wäre eine Vielzahl an Genehmigungen notwendig, was laut der Initiative mehrere Jahre dauern könnte.
Zeitplan und Realisierungschancen
Die Planer von Zeeland Tolvrij sprechen von einer Realisierungszeit von acht bis zehn Jahren. Zwei Jahre würden für den Bau benötigt, während die Genehmigungsverfahren sechs bis acht Jahre beanspruchen könnten. Damit wäre ein Start frühestens in den 2030er Jahren denkbar. Ob die Provinz oder die nationale Regierung das Projekt tatsächlich aufgreifen, ist derzeit offen. Doch das Ziel der Initiative ist erreicht: Die Diskussion über die Zukunft der Westerschelde-Querung hat eine neue Dimension erhalten.
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