Gasvorrat bleibt gefährlich niedrig
| von Redaktion
DEN HAAG · Die niederländischen Gasspeicher sind am 12. Juni nur zu 20,4 Prozent gefüllt. Damit wächst der Druck auf Regierung, Energieunternehmen und das Staatsunternehmen EBN, die Vorräte vor Beginn der Heizperiode deutlich schneller aufzufüllen. Gasunie warnt, dass das aktuelle Tempo nicht reicht, um im Oktober das angestrebte Niveau von mindestens 80 Prozent zu erreichen. Ein Jahr zuvor lagen die Speicher deutlich höher, in früheren Jahren teils noch wesentlich komfortabler. Der niedrige Füllstand hängt mit leeren Speichern zu Saisonbeginn, hohen Gaspreisen und zurückhaltenden Marktparteien zusammen. Für Haushalte und Unternehmen bleibt damit offen, wie teuer und angespannt der kommende Winter wird.
Die Sorge richtet sich nicht auf einen akuten Lieferausfall, sondern auf die Vorbereitung auf den Winter. Gasunie und ihre Tochter GTS betonen, dass die Versorgungssicherheit kurzfristig gewährleistet ist. Zugleich sehen sie die Niederlande und Europa aber verwundbarer als früher. Das hat vor allem mit dem geschlossenen Groninger Gasfeld zu tun. Früher konnte das Land in Krisen stärker auf eigene Produktion zurückfallen. Heute ist das System zu einem großen Teil abhängig von Importen, unter anderem aus Norwegen und von Flüssiggas, vor allem aus den Vereinigten Staaten.
Nach Angaben von NED lag die aktuelle Füllung der unterirdischen niederländischen Gasvorräte am 12. Juni bei 20,4 Prozent. In der Übersicht sind Norg, Grijpskerk, Alkmaar, Bergermeer und Zuidwending einbezogen. Gasunie sprach zuvor von rund 19 bis 19,5 Prozent. Entscheidend ist weniger die kleine Differenz zwischen den Tageswerten, sondern der Abstand zum gewünschten Niveau im Herbst. Gasunie will vor Beginn der Heizperiode im Oktober mindestens 80 Prozent erreichen. Bei gleichbleibendem Tempo sieht das Unternehmen dieses Ziel gefährdet.
Der Startpunkt war ungewöhnlich niedrig. Zwei große Speicher, Norg und Grijpskerk, wurden Anfang April leer übergeben, weil Gasterra als Handelsgesellschaft für Groninger Gas aufhört zu bestehen. Dadurch fiel die Gesamtfüllung zeitweise auf etwa 5 Prozent. Seitdem steigt der Vorrat wieder, aber aus Sicht von Gasunie zu langsam. Die Behörde ACM sieht zwar eine Beschleunigung beim Befüllen in den vergangenen zwei Wochen, doch Gasunie fordert mehr Tempo.
Markt füllt langsamer als nötig
Das Befüllen der Speicher war lange vor allem eine Aufgabe kommerzieller Marktparteien. Normalerweise kaufen Unternehmen im Sommer günstiger Gas ein, lagern es ein und verkaufen es im Winter zu höheren Preisen. Dieses Modell funktioniert aber schlechter, wenn Gas im Sommer bereits teuer ist oder wenn die erwarteten Winterpreise niedriger liegen. Genau diese Lage bremst das Befüllen derzeit.
Gasunie sieht darin ein Risiko. Wenn Marktparteien warten, kann die Zeit bis Oktober knapp werden. Das Problem lässt sich nicht kurzfristig im November lösen, weil Speicher schrittweise gefüllt werden müssen. Auch René Peters von TNO bewertet die Lage als sorgelijk und fordert, dass in den kommenden Wochen stärker mit dem Befüllen begonnen wird. Nach seiner Einschätzung ist ein spätes Nachholen keine realistische Option.
Staatsunternehmen EBN spielt deshalb eine größere Rolle. Es kann im Auftrag des Staates Gas kaufen und einlagern. Dafür ist eine staatliche Kreditlinie vorgesehen. Das kann die Versorgungssicherheit stärken, birgt aber finanzielle Risiken. Wenn EBN jetzt teuer kauft und später günstiger verkaufen muss, entstehen Kosten für den Staat und damit indirekt für die Steuerzahler.
Strategische Reserve bleibt politisch offen
Neben der laufenden Befüllung fordert Gasunie mehr Tempo bei einer strategischen Gasreserve. GTS verweist auf Untersuchungen, nach denen Nederland und die EU nicht ausreichend auf monatelange Störungen der Gasversorgung vorbereitet sind. Als Beispiele nennt GTS geopolitische Spannungen oder den Ausfall wichtiger Infrastruktur. Eine Reserve in bestehenden Speichern soll als Notfallpuffer dienen.
Ministerin Stientje van Veldhoven arbeitet an einer Strategie für die Gasvorräte. Entscheidungen über eine strategische Reserve werden aber erst später erwartet. Gasunie hält das für zu langsam und fordert mehr Dringlichkeit. Die Ministerin betont zugleich, dass sie mit EBN eine Balance sucht zwischen Versorgungssicherheit, begrenzter Marktverzerrung und möglichst niedrigen Kosten.
Ein weiterer Streitpunkt ist die europäische Dimension. Eine strategische Reserve in den Niederlanden könnte im Krisenfall auch Nachbarländern zugutekommen, weil das Gasnetz europäisch verbunden ist. GTS plädiert deshalb für eine gemeinsame europäische Lösung mit fairer Kostenverteilung. Die Ministerin will ebenfalls vermeiden, dass niederländische Steuerzahler allein für Vorräte zahlen, von denen andere Länder mitprofitieren könnten.
Hohe Preise erschweren schnelle Entscheidungen
Die hohen Gaspreise machen politische Entscheidungen komplizierter. Schnelles Befüllen kann teuer werden. Zugleich warnen Experten, dass zu leere Speicher zu Beginn des Winters noch größere Preisfolgen haben können. Gasunie verweist darauf, dass die Niederlande im vergangenen Winter zeitweise sehr niedrige Speicherstände hatten. Kurz vor Ende der Heizperiode waren die Vorräte fast aufgebraucht.
Für Haushalte bedeutet das vor allem Unsicherheit bei der Energierechnung. De Telegraaf berichtet, dass bei anhaltend niedrigen Vorräten höhere Kosten drohen können. Gleichzeitig sagt die Ministerin, sie habe Vertrauen, dass es auch im kommenden Winter genug Gas geben wird. EBN fülle die Speicher und liege dabei auf Schema, aber Wachsamkeit sei nötig.
Ob der Vorrat für den Winter reicht, hängt damit nicht nur vom aktuellen Füllstand ab. Entscheidend sind das Befülltempo bis Oktober, die Rolle von EBN, das Verhalten kommerzieller Anbieter, die Preisentwicklung und der Gasbedarf im Winter. Gasunie macht deutlich, dass die Zeit für Entscheidungen kleiner wird. Die Speicher füllen sich wieder, aber aus Sicht des Netzbetreibers noch nicht schnell genug.
Deutschland steht besser da
Im Vergleich zu den Niederlanden ist die Lage in Deutschland derzeit weniger angespannt. Nach Angaben der Bundesnetzagentur liegt der Speicherfüllstand dort bei ungefähr 35 Prozent und damit deutlich über dem niederländischen Wert von rund 20 Prozent. Die Bundesnetzagentur bewertet die Gasversorgung in Deutschland aktuell als stabil und sieht die Versorgungssicherheit gewährleistet. Die Gefahr einer angespannten Gasversorgung schätzt sie im Augenblick als gering ein. Zugleich verweist die Behörde darauf, dass die deutschen Speicher nur ein Teil der Versorgung sind. Wichtig bleiben auch Pipeline-Importe, LNG-Terminals und die Einbindung in das europäische Gasverbundsystem. Angesichts des weiterhin erhöhten Preisniveaus hält die Bundesnetzagentur einen sparsamen Umgang mit Gas dennoch für sinnvoll.
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