Drohvideo: Kokain im Wert von 100 Millionen Euro
| von Redaktion
OVERASSELT · Nach dem tödlichen Schusswaffenangriff auf ein Wohnhaus in Overasselt prüft die Polizei ein Drohvideo, das an den 28-jährigen Bewohner Jan G. junior gerichtet sein soll. Darin behauptet ein maskierter Mann, G. habe Kokain gestohlen und müsse 1.283 Kilogramm innerhalb von zwölf Stunden zurückgeben. Zugleich werden Angehörige, Freunde, Geschäftspartner und Mitarbeiter bedroht. In der Botschaft werden außerdem zwei Mengen von 717 und 1.283 Kilogramm genannt. Zusammen sind das 2.000 Kilogramm. Bei einem rechnerischen Ansatz von 50 Euro pro Gramm entspricht dies 100 Millionen Euro. Die Echtheit des Videos ist nicht bestätigt. Polizei und Staatsanwaltschaft untersuchen die Aufnahmen und prüfen, ob sie authentisch sind und in welchem Zusammenhang sie mit dem Gewaltgeschehen stehen.
Das Video tauchte am Mittwoch nach dem massiven Polizeieinsatz in Overasselt auf. Nach Angaben der NOS spricht darin ein maskierter Mann auf Englisch mit spanischem Akzent. Er wirft Jan G. junior vor, 1.283 Kilogramm Kokain gestohlen zu haben. G. erhalte zwölf Stunden Zeit, die Ware zurückzugeben und Kontakt zu einem belgischen Bekannten aufzunehmen. Danach, so die Botschaft, richte sich die Drohung nicht mehr nur gegen ihn selbst, sondern gegen Menschen aus seinem persönlichen und beruflichen Umfeld. In dem Video ist außerdem von zwei Transporten mit 717 und 1.283 Kilogramm die Rede. Der Sprecher behauptet, die Menge von 1.283 Kilogramm habe Spanien nie verlassen. Die Polizei untersucht die Aufnahmen und hat ihre Echtheit bislang nicht bestätigt. Auch die NOS konnte nach eigener Prüfung keine abschließende Aussage zur Authentizität treffen.
Nach Angaben des Senders enthalten die Bilder allerdings Details, die zuvor nicht öffentlich bekannt waren. Gleichzeitig stand fest, dass die Aufnahmen vor Mittwoch nicht öffentlich im Internet erschienen waren. Die Polizei teilte mit, dass die im Netz kursierenden Informationen und Bilder in die Ermittlungen einbezogen und überprüft werden. Der Fall steht unmittelbar im Zusammenhang mit dem schweren Schusswaffenereignis an der Ewijkseweg. Dort war in der Nacht zum Dienstag ein 51-jähriger Mann aus Wijchen getötet worden. Zwei Polizeibeamte wurden verletzt. Nach Polizeiangaben war zuvor eine große Gruppe von Personen mit Sturmhauben an dem Wohnhaus gesehen worden. Als die erste Polizeieinheit eintraf, wurde unmittelbar auf die Beamten geschossen. Die Ermittler prüfen weiterhin den genauen Ablauf, die Rollen der Verdächtigen und das Motiv für den Angriff. Auch ein früherer Beschuss des Hauses aus dem vergangenen Jahr wird in die laufenden Ermittlungen einbezogen.
Echtheit des Videos weiterhin ungeklärt
Polizei und Staatsanwaltschaft beschäftigen sich mit den Aufnahmen und prüfen deren Authentizität. Eine Bestätigung, dass die gezeigten Personen, Waffen und Behauptungen tatsächlich mit dem Angriff in Overasselt in Verbindung stehen, liegt bislang nicht vor. Auch Medien, denen das Video vorliegt, konnten die Echtheit nicht abschließend feststellen. Nach Angaben der NOS wurden dafür sichtbare und nicht sichtbare Merkmale der Aufnahme untersucht. Ein eindeutiges Ergebnis war auf dieser Grundlage zunächst nicht möglich.
Auffällig ist nach Angaben der NOS, dass in der Aufnahme Einzelheiten genannt werden, die zum Zeitpunkt der Veröffentlichung nicht öffentlich bekannt waren. Daraus lässt sich nach dem derzeitigen Ermittlungsstand jedoch keine bestätigte Aussage über die Herkunft oder Echtheit der Aufnahme ableiten. Festgestellt wurde lediglich, dass das Video vor Mittwoch nicht öffentlich im Internet verbreitet worden war.
In der Aufnahme steht vor allem die Menge von 1.283 Kilogramm im Mittelpunkt. Diese soll nach der dort vorgetragenen Behauptung zurückgegeben werden. Gleichzeitig werden zwei Transporte mit 717 und 1.283 Kilogramm erwähnt. Zusammengerechnet handelt es sich um genau 2.000 Kilogramm Kokain. Bei der für die Berechnung angesetzten Größe von 50 Euro je Gramm ergibt sich daraus ein rechnerischer Gesamtwert von 100 Millionen Euro. Dieser Betrag ist keine von Polizei oder Staatsanwaltschaft veröffentlichte Bewertung der Drogenmenge, sondern ausschließlich das Ergebnis der Berechnung aus den genannten Mengen und dem angesetzten Grammpreis.
51-Jähriger getötet, zwei Polizisten verletzt
Ausgangspunkt der Ermittlungen ist der Schusswaffenangriff in der Nacht zum 1. September. Die Polizei erhielt gegen 4 Uhr eine Meldung über eine verdächtige Situation an einem Wohnhaus an der Ewijkseweg in Overasselt. Dort soll sich eine größere Gruppe von Personen mit Sturmhauben aufgehalten haben. Als die ersten Polizeibeamten eintrafen, wurde nach offiziellen Angaben unmittelbar auf sie geschossen.
Am Tatort fanden die Einsatzkräfte einen schwer verletzten 51-jährigen Mann aus Wijchen. Medizinische Hilfe konnte ihn nicht mehr retten. Bei dem Getöteten handelte es sich nach den vorliegenden Berichten um einen Sicherheitsmitarbeiter des Hauses. Zwei Polizeibeamte wurden ebenfalls verletzt und in ein Krankenhaus gebracht. Nach Polizeiangaben bestand für beide keine Lebensgefahr.
Die Polizei richtete ein Team für umfangreiche Ermittlungen ein. Bereits am Dienstag wurden an verschiedenen Orten insgesamt 34 Personen festgenommen. Dabei kamen unter anderem Spezialeinheiten der Dienst Speciale Interventies zum Einsatz. Festnahmen gab es nicht nur in Overasselt, sondern unter anderem auch bei Einsätzen auf der A73, auf der A76 bei Maastricht, am Stationsplein in Nijmegen und in einem Maisfeld in der Nähe der Ewijkseweg. In der Nacht zum Mittwoch wurde ein weiterer Verdächtiger festgenommen. Damit erhöhte sich die Zahl der Festgenommenen nach den vorliegenden aktuellen Berichten auf 35.
Die Polizei stellte im Zuge der Ermittlungen mehrere Waffen, Datenträger und Fahrzeuge sicher. Die Verdächtigen müssen einzeln vernommen werden. Die Ermittlungen sollen insbesondere klären, welche Rolle die einzelnen Festgenommenen bei dem Geschehen gespielt haben und weshalb es zu dem Angriff kam.
Weitere Waffen bei Wijchen gefunden
Am Mittwochnachmittag wurden auf einem Mitfahrerparkplatz in Wijchen mehrere Handfeuerwaffen entdeckt. Nach Angaben aus dem Liveblog von Het Parool lagen die Waffen versteckt in Büschen bei den Waldpassagen des Parkplatzes. Der Bereich wurde abgesperrt, anschließend untersuchte die Kriminalpolizei den Fundort. Die Waffen wurden sichergestellt.
Parallel gingen die umfangreichen Suchmaßnahmen in und um Overasselt weiter. Polizeikräfte durchsuchten unter anderem Felder, Waldstücke und Bereiche rund um das betroffene Grundstück nach möglichen Spuren und Beweismitteln. Bereits am Dienstag hatte die Polizei erklärt, dass nach einer groß angelegten Suche zunächst keine Hinweise darauf bestanden, dass sich weitere Verdächtige im Gebiet zwischen Overasselt und Nederasselt aufhielten. Für die Nacht wurde dennoch zusätzliche Überwachung angekündigt.
Auch das Grundstück an der Ewijkseweg blieb Gegenstand der Ermittlungen. Bürgermeister Joerie Minses teilte am Mittwoch mit, dass das Haus vorerst nicht geschlossen werde, solange die polizeilichen Untersuchungen dort noch liefen. Das Gebäude blieb unter Polizeibewachung. Weitere Entscheidungen über eine mögliche Schließung des Hauses und des Grundstücks sowie zusätzliche Maßnahmen sollten später bekanntgegeben werden.
Zusammenhang mit „Bolle Jos“ nicht bestätigt
Mehrere Medien haben den Konflikt rund um die mutmaßlich verschwundene Kokainmenge mit Jos Leijdekkers, bekannt als „Bolle Jos“, in Verbindung gebracht. Eine bestätigte Beteiligung Leijdekkers an dem Angriff in Overasselt liegt auf Grundlage der vorliegenden Informationen jedoch nicht vor.
Seine Anwälte Jan-Hein Kuijpers und Guy Weski erklärten am Mittwoch gegenüber der Nachrichtenagentur ANP, Leijdekkers distanziere sich ausdrücklich von Behauptungen, er sei an dem Vorfall beteiligt gewesen. Damit steht den in verschiedenen Medien veröffentlichten Hinweisen auf mögliche Verbindungen eine ausdrückliche Zurückweisung durch seine Anwälte gegenüber.
Die Polizei selbst hat bislang keinen abschließenden Zusammenhang zwischen dem Drohvideo, der darin genannten Kokainmenge und den Verantwortlichen für den bewaffneten Angriff bestätigt. Gegenstand der laufenden Ermittlungen bleiben deshalb sowohl die Ereignisse an der Ewijkseweg als auch die Herkunft und Echtheit des Videos sowie die Rollen der festgenommenen Personen.
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