Darum bestehen so viele Häuser aus Backstein
| von Redaktion
UTRECHT · Wer durch die Niederlande fährt, entdeckt schnell ein auffälliges Merkmal: Ob Reihenhaus, Bauernhof oder moderne Wohnsiedlung – viele Gebäude bestehen aus roten oder braunen Backsteinen. Während in anderen Ländern verputzte Fassaden oder Holzhäuser das Straßenbild prägen, dominiert in den Niederlanden seit Jahrhunderten der Ziegelbau. Das hat historische, geologische und praktische Gründe. Die Bauweise prägt bis heute das typische Erscheinungsbild niederländischer Städte und Dörfer und gilt längst als Teil der nationalen Architektur.
Backstein ist in den Niederlanden weit mehr als nur ein Baumaterial. Er gehört zur Baukultur des Landes und wird bis heute sowohl bei Wohnhäusern als auch bei öffentlichen Gebäuden eingesetzt. Selbst moderne Neubauten erhalten häufig eine Klinkerfassade oder zumindest eine Verblendung aus Backstein. Das sorgt nicht nur für ein einheitliches Ortsbild, sondern bietet auch praktische Vorteile hinsichtlich Langlebigkeit und Witterungsbeständigkeit.
Lehm gab es reichlich
Der wichtigste Grund liegt in der Natur. Große Teile der Niederlande bestehen aus Flusslandschaften, die über Jahrtausende von Rhein, Maas und IJssel geformt wurden. Dabei lagerten sich enorme Mengen an Ton und Lehm ab – genau die Rohstoffe, aus denen Backsteine hergestellt werden.
Naturstein war dagegen in den Niederlanden kaum vorhanden. Anders als beispielsweise in Süddeutschland oder Belgien gibt es dort keine großen Vorkommen von Sandstein oder Granit. Wollte man Naturstein verwenden, musste er teuer importiert werden. Ziegel konnten dagegen direkt vor Ort produziert werden und waren deshalb deutlich günstiger.
Eine jahrhundertealte Tradition
Bereits im Mittelalter entstanden in den Niederlanden zahlreiche Ziegeleien entlang der großen Flüsse. Die Herstellung entwickelte sich zu einem wichtigen Wirtschaftszweig. Mit den gebrannten Ziegeln konnten Häuser, Kirchen, Stadtmauern und Brücken gebaut werden, die deutlich widerstandsfähiger waren als Holzbauten.
Gerade in den schnell wachsenden Handelsstädten wie Amsterdam, Utrecht, Leiden oder Dordrecht setzte sich der Backstein deshalb früh als bevorzugter Baustoff durch. Viele historische Gebäude aus dieser Zeit stehen noch heute und prägen das Bild der Innenstädte.
Besser gegen das feuchte Klima
Auch das niederländische Klima spielte eine wichtige Rolle. Wind, Regen und hohe Luftfeuchtigkeit stellen hohe Anforderungen an Gebäude. Gebrannte Backsteine sind äußerst widerstandsfähig gegen Witterungseinflüsse und benötigen vergleichsweise wenig Pflege.
Während verputzte Fassaden regelmäßig erneuert werden müssen, können hochwertige Klinkerfassaden problemlos viele Jahrzehnte – oft sogar mehr als ein Jahrhundert – überdauern. Das macht sie wirtschaftlich attraktiv.
Weniger Brandgefahr
Im Mittelalter bestanden viele Häuser aus Holz. Stadtbrände richteten regelmäßig verheerende Schäden an. Backstein verringerte dieses Risiko erheblich, da er nicht brennbar ist.
Viele Städte führten deshalb nach größeren Bränden Bauvorschriften ein, die den Einsatz von Stein oder Ziegeln förderten. Dadurch nahm der Anteil gemauerter Gebäude stetig zu.
Auch moderne Häuser bestehen oft aus Backstein
Obwohl heute überwiegend mit Stahlbeton, Kalksandstein oder Betonfertigteilen gebaut wird, bleibt Backstein in den Niederlanden sichtbar. Häufig handelt es sich um sogenannte Verblendmauerwerke. Dabei trägt die eigentliche Konstruktion das Gebäude, während außen eine Schicht aus Klinkern das typische Erscheinungsbild erzeugt.
Diese Bauweise verbindet moderne Dämmstandards mit dem traditionellen Aussehen niederländischer Häuser.
Warum sind die Steine oft so dunkel?
Viele niederländische Häuser besitzen dunkelrote, braune oder sogar fast schwarze Fassaden. Das liegt zum einen an den verwendeten Tonarten, zum anderen an unterschiedlichen Brenntemperaturen während der Herstellung. Besonders beliebt sind sogenannte Klinker, die bei sehr hohen Temperaturen gebrannt werden und dadurch besonders hart, langlebig und wasserabweisend sind.
Architekten kombinieren heute häufig verschiedene Farbtöne und Mauerverbände, wodurch viele Neubaugebiete trotz ähnlicher Materialien abwechslungsreich wirken.
Gehört Backstein zur niederländischen Identität?
Für viele Niederländer gehört der Backstein genauso zum Land wie Grachten oder Windmühlen. Zahlreiche historische Stadtkerne verdanken ihm ihr charakteristisches Erscheinungsbild. Gleichzeitig greifen auch moderne Architekturbüros immer wieder bewusst auf Ziegelfassaden zurück, um an diese jahrhundertealte Bautradition anzuknüpfen.
Selbst spektakuläre Neubauten in Städten wie Rotterdam oder Eindhoven integrieren häufig Backstein in ihre Fassadengestaltung – allerdings oft in zeitgemäßer Form.
Schon gewusst?
Die Niederlande zählen seit Jahrhunderten zu den bedeutenden Herstellern hochwertiger Ziegel und Klinker in Europa. Viele historische Backsteine wurden direkt entlang der großen Flüsse produziert, wo Ton und Lehm in großer Menge verfügbar waren. Noch heute befinden sich zahlreiche Ziegeleien in den Flussgebieten von Rhein, Waal und IJssel.
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