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Bolle Jos, Jagd bis nach Afrika

| von Redaktion

© Politie
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DEN HAAG · Fahndung, Auslieferungsdruck und neue Spekulationen um Bolle Jos: Die niederländischen Behörden suchen weiter nach dem verurteilten Drogenkriminellen Jos Leijdekkers, bekannt als Bolle Jos. Nach Angaben der Polizei ist er weiterhin flüchtig. Das Landgericht Rotterdam verurteilte ihn am 25. Juni 2024 zu 24 Jahren Haft wegen sechs Drogentransporten mit zusammen fast 7000 Kilo Kokain, eines bewaffneten Überfalls in Finnland und der Anordnung einer Liquidation. Zugleich berichten AD und Follow the Money, dass die Niederlande den diplomatischen Druck auf Sierra Leone erhöht haben, um Leijdekkers ausgeliefert zu bekommen. Brisant ist dabei auch ein Vorwurf seines Anwalts, wonach niederländische Stellen in Sierra Leone über verdeckte Kanäle Informationen sammeln wollten. Belegt ist dieser Vorwurf jedoch nur als Darstellung der Verteidigung.

Jos Leijdekkers steht seit Jahren im Fokus internationaler Ermittlungen und bleibt nach Angaben der niederländischen Polizei weiterhin ohne bekannten Aufenthaltsort. Die Polizei erklärt, dass er keinen festen Wohn oder Aufenthaltsort in den Niederlanden hat und sich vermutlich schon längere Zeit im Ausland aufhält. Zeitweise bestand der Verdacht, dass er sich in der Türkei aufhält. Konkrete Hinweise auf seinen aktuellen Aufenthaltsort habe die Untersuchung jedoch bislang nicht ergeben.

Nach Recherchen von AD und Follow the Money wird Sierra Leone in diesem Zusammenhang besonders häufig genannt. Beide Medien berichten, dass Leijdekkers sich dort aufhalten und Kontakte bis in politische Kreise haben soll. Eine offizielle Bestätigung dieses Aufenthaltsortes durch niederländische Behörden gibt es jedoch nicht.

Diplomatischer Druck statt schneller Festnahme

Wie AD und Follow the Money berichten, hat sich die niederländische Strategie längst über klassische Polizeiarbeit hinaus entwickelt. Demnach versucht Den Haag seit mehr als einem Jahr, Sierra Leone zur Auslieferung von Leijdekkers zu bewegen. Laut der Rekonstruktion beider Medien soll das westafrikanische Land ein niederländisches Auslieferungsersuchen zunächst ignoriert haben. Später habe es Signale gegeben, dass die Sache geprüft werde, ohne dass daraus ein Durchbruch entstanden sei. Follow the Money schreibt, dass die Niederlande wiederholt Gelegenheiten genutzt hätten, Minister aus Sierra Leone direkt anzusprechen und an das Auslieferungsersuchen zu erinnern. AD beschreibt diese Vorgehensweise noch zugespitzter und schreibt von einem regelrechten Verfolgen politischer Gelegenheiten, um Vertreter Sierra Leones immer wieder auf Bolle Jos anzusprechen. Laut beiden Medien gehört der Fall in Den Haag inzwischen zu den außenpolitisch besonders sensiblen Dossiers. Hintergrund ist nach ihren Berichten, dass Leijdekkers in Sierra Leone nicht nur untergetaucht sein soll, sondern dort mutmaßlich Beziehungen bis in die Staatsspitze hinein hat.

Sierra Leone als Kern des Problems

AD und Follow the Money berichten, dass Leijdekkers sich in Sierra Leone aufhalten soll und dort als Partner einer Tochter von Präsident Julius Maada Bio gilt. Follow the Money schreibt, der Niederländer sei in dem Land inzwischen als eine Art nationaler Schwiegersohn bekannt. Beide Medien schildern, dass die Niederlande kaum über direkte diplomatische Hebel verfügen, weil es keine engen bilateralen Strukturen gebe und die Ausgangslage dadurch kompliziert sei. Laut Follow the Money wurde das Auslieferungsersuchen deshalb über diplomatische Kanäle in Brüssel und Accra weitergeleitet. AD beschreibt die Lage ähnlich und betont, dass die fehlende niederländische Botschaft vor Ort die Sache zusätzlich erschwere. Es wird außerdem deutlich, dass Sierra Leone in Gesprächen nach Darstellung der niederländischen Seite zunächst zurückhaltend oder ausweichend reagiert habe. Mal sei die Identität der gesuchten Person angezweifelt worden, mal sei auf bürokratische Zuständigkeiten verwiesen worden. Ein belastbares Ergebnis, das zu einer Festnahme oder Auslieferung geführt hätte, ist in den vorliegenden Texten jedoch nicht erkennbar.

Streit um Einfluss, Schutz und Staatsspitze

Besonders brisant sind die Hinweise auf ein mögliches Schutznetzwerk. Follow the Money berichtet, es habe früh Signale gegeben, dass Bolle Jos auf hohem Niveau Schutz genieße. Das Medium verweist dabei auf Fotos und Videos, auf denen Leijdekkers bei einer Neujahrsmesse im Umfeld des Präsidenten und seiner Familie zu sehen gewesen sei. AD ergänzt, später seien weitere Bilder aufgetaucht, die ihn feiernd mit hochrangigen Funktionären aus Sierra Leone zeigen sollen. Omroep Brabant greift diesen Zusammenhang ebenfalls auf und schreibt, Leijdekkers solle in Sierra Leone Schutz durch den Präsidenten genießen und eine Beziehung mit dessen Tochter haben. Follow the Money geht noch weiter und beschreibt, dass die niederländische Seite auch deshalb alarmiert sei, weil Leijdekkers durch seine Kontakte möglicherweise Einfluss auf politische Strukturen ausüben könne. Das Medium verweist dazu auf die Einschätzung des Westafrika Experten Kars de Bruijne vom Institut Clingendael, wonach die Angelegenheit über die reine Strafverfolgung hinausreiche und auch Stabilitätsfragen für Sierra Leone sowie die Region berühren könne. Diese Einordnung stammt ausdrücklich aus der Rekonstruktion von Follow the Money.

Der Vorwurf von Spionage und verdeckter Informationsgewinnung

Der in der Überschrift aufgeworfene Punkt, ob Agenten auf der Suche seien, stützt sich allein auf Aussagen der Verteidigung. Sowohl AD als auch Follow the Money berichten, dass der Anwalt von Leijdekkers, Guy Weski, den niederländischen Behörden vorwirft, über bestimmte Kanäle in Sierra Leone infiltrieren zu wollen und dabei unter Deckmantel Informationen zu sammeln. Follow the Money schreibt dazu außerdem, der niederländische Geheimdienst AIVD habe auf Nachfrage erklärt, keine Aussagen zu diesen Behauptungen zu machen. Eine Bestätigung für einen solchen Einsatz findet sich nicht. Fest steht nach den vorliegenden Berichten lediglich, dass dieser Vorwurf von der Verteidigung erhoben wurde und dass niederländische Behörden sich dazu öffentlich nicht konkret äußern. Für einen journalistischen Umgang mit diesem Punkt ist daher entscheidend, ihn klar als Behauptung des Anwalts zu kennzeichnen und nicht als feststehende Tatsache darzustellen.

Was Polizei und Fahndungslisten offiziell sagen

Die offiziellen Polizeitexte konzentrieren sich stärker auf die Fahndung und die strafrechtliche Einordnung. Die Politie schreibt, Leijdekkers sei nach wie vor spoorloos, also ohne bekannten Aufenthaltsort. Gleichzeitig wird betont, dass weiteres Material, darunter neue Bilder und eine Kompositzeichnung, Hinweise auf sein heutiges Aussehen liefern sollen. Bürgerinnen und Bürger werden ausdrücklich aufgefordert, ihn nicht selbst anzusprechen, sondern Hinweise an die Polizei zu geben. Die niederländische Polizei und EU Most Wanted nennen eine Belohnung von 200.000 Euro für den entscheidenden Hinweis, der zu seiner Festnahme führt. Klar ist, dass die Fahndung international koordiniert wird und dass Leijdekkers für niederländische Behörden weiterhin hohe Priorität besitzt.

Weitere Strafverfahren verschärfen den Druck

Zusätzlich zu dem niederländischen Urteil wächst auch der juristische Druck aus Belgien. Omroep Brabant berichtet, dass die belgische Justiz für Leijdekkers dreizehn Jahre Haft wegen seiner mutmaßlichen Beteiligung an der Einfuhr von rund elf Tonnen Kokain über den Hafen von Antwerpen fordert. Laut dem Bericht soll es dabei um einen Transport aus Oktober 2023 gegangen sein, bei dem die Drogen in einer Lieferung Palmkernmehl aus Sierra Leone versteckt gewesen seien. Omroep Brabant schreibt zudem, Leijdekkers sei in Belgien bereits in anderen Verfahren in Abwesenheit zu insgesamt 57 Jahren Haft verurteilt worden. Zusammen mit den 24 Jahren aus den Niederlanden ergibt sich damit jenes enorme Strafmaß, auf das auch AD in seiner Rekonstruktion verweist. Die Botschaft ist eindeutig: Der Fall Bolle Jos ist für die niederländischen und belgischen Justizbehörden längst kein gewöhnliches Fahndungsdossier mehr, sondern ein grenzüberschreitender Großfall, in dem Strafverfolgung, internationale Beziehungen und die Frage nach politischem Schutz eng miteinander verwoben sind.

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