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Singel in Utrecht wiedereröffnet

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Nach Jahrzehnten fließt wieder Wasser in dem westlichen Teil der Singel in Utrecht, nachdem der Kanal zuvor in einen Parkplatz und eine Autobahn umgewandelt worden war. Rund 20 Jahre dauerte das Projekt. Am 12. September wurde der historische Fehler, das Zuschütten der Singel vor rund 50 Jahren, offiziell vollständig rückgängig gemacht.

Im Jahr 1122 erhielt Utrecht Stadtrechte. Um die Stadt zu verteidigen wurde ein Verteidigungsgraben um die Stadt gegraben. Die Stadt war nicht nur von Wasser umgeben, sondern hatte auch eine Stadtmauer mit Stadttoren. Später, nach 1550, wurden zusätzliche Burgen in dieses Schutzsystem integriert, um besser vor Angreifern geschützt zu sein. Heute kennen wir diese Orte als Park Lepelenburg, Lucasbolwerk, Museum & Sternwarte Sonnenborgh und das ehemalige Gefängnis Wolvenplein.

Über die Jahrhunderte änderten sich jedoch die Bedürfnisse. Die Stadt Utrecht wurde nicht mehr angegriffen und die Verteidigung verlor ihre ursprüngliche Funktion. Der bekannte Landschaftsarchitekt Jan David Zocher wurde 1829 beauftragt, einen Park in der Nähe eines Teils der Singel, der heutigen Zocher Park, zu errichten. Inzwischen verschwanden auch die Stadtmauern und Tore. Die Singel hatte noch einige Zeit eine logistische Funktion, da Waren auf dem Wasserweg transportiert wurden. Auch diese nahm mit dem aufkommenden Straßenverkehr ab.

Auch die Bewohner der Stadt Utrecht nutzten mehr das Auto und ähnlich wie in Deutschland wurden neue Verkehrspläne aufgestellt. Nach dem Motto "Freie Fahrt für freie Bürger" wurde im Jahr 1958 der deutsche Verkehrsexperte Max-Erich Feuchtinger vom Lehrstuhl für Straßenbau und Straßenverkehrstechnik der Universität Stuttgart gefragt, um einen Verkehrsplan für die Stadt Utrecht zu erstellen. Mehrere Pläne wurden vorgestellt, die übrigens im Archiv der Stadt Utrecht eingesehen werden können.

Natürlich hatte Feuchtinger (1909-1960) die Lösung für das Verkehrsproblem: Die Singel rund um die Utrechter Innenstadt sollte ausgefüllt werden. Die Wasserstraße sollte in einen Asphaltweg umgebaut werden. So würde genug Platz für eine zweispurige Straße gemacht, um den Autofluss zu fördern. Dies würde das Zentrum von Utrecht leichter zugänglich machen. In Utrecht gab es große Proteste und einen extremen Widerstand. Der Gemeinderat wurde gezwungen, die Meinung eines zweiten Sachverständigen, diesmal eines Stadtplaners, einzuholen. Stadtplaner J.A. Kuiper (1907-2003) bekam den Auftrag.

Die Verhandlungen mit der Gemeinde und Proteste wurden fortgesetzt. Es war nicht klar, was mit der Singel und dem Plan passieren würde. In der Zwischenzeit wurde jedoch die Entwicklung und der Bau von Hoog Catherijne, einem modernen Einkaufszentrum, fortgesetzt. In dem Gebiet, wo im Mittelalter Kasteel Vredenburg stand, wurde ein neues Musikzentrum gebaut. Langsam aber sicher geriet der Plan, die komplette Singel zu füllen, in "Vergessenheit". Letztendlich wurde ab dem Jahr 1968 der westliche Teil der Weerdsingel zu einem Parkplatz und der nördliche Teil der Catherijnesingel zur zweitkürzesten Autobahn in den Niederlanden in den Jahren 1971/1972 umgebaut: Die 1,8 Kilometer lange Catherijnebaan war geboren. Übrigens: Mit einer Länge von 1,5 km ist A38 die kürzeste Autobahn in den Niederlanden. Sie führt vom Autobahnkreuz Ridderkerk (A16/A15) nach Ridderkerk. Zurück nach Utrecht: Das Wasser der Singel wurde kurzerhand durch den sogenannten Spuikoker geleitet, einen unterirdischen Kanal entlang der Mittelseite des Catharijnebaan. Die weiteren Pläne für die Innenstadt, die Kuiper geplant hatte, wurden nie verwirklicht. Die Catharijnebaan konnte anfangs noch mit 100km/h befahren werden. Die Stadt änderte das schnell und erklärte die Autobahn zu einem stadsautoweg. In den letzten Jahren der Catharijnebaan waren dort nur noch 50km/h erlaubt, jetzt ist das gesamte Gebiet eine 30km/h Zone.

Heutzutage ist in Utrecht praktisch nichts von den Ergebnissen dieses Stadtentwicklungskampfes der 50er und 60er Jahre zu sehen. Im Jahr 1997 wurde beschlossen, um die Singel wieder zurückzubauen. Die gesamte Umgebung wurde komplett neue geplant. Hoog Catherijne wurde komplett renoviert, der Bahnhof Centraal Station wurde komplett neu gebaut und erweitert, das alte Musikzentrum Vredenburg ist dem neuen TivoliVredenburg gewichen. Der erste Abschnitt der Singel zwischen der Weerdsluis und der Monica-Brücke wurde 2001 fertiggestellt, ein Jahr später floss das Wasser bis nach Paardenveld, also im nördlichen Teil der Singel.

Utrecht stimmte 2002 im Referendum für die Wiederausgrabung von Weerdsingel und Catharijnesingel. Das Referendum über die weitere Entwicklung des Bahnhofsbereichs und der Singel, die Ausarbeitung der Pläne und Beantragung der Geldmittel sorgen für eine Pause. Erst 2015 wurde an dem neuen Singelabschnitt begonnen. Ende 2015 floss das Wasser nach Vredenburg, ein Jahr später konnte das Wasser etwas weiter bis nach Hoog Catharijne fließen. Parallel wurde Hoog Catharijne komplett umgebaut und auch die Bauarbeiten im Bahnhofsbereich gingen schnell voran. Die historische Struktur wurde wieder sichtbar.

Nachdem am 7. Dezember 2016 der Hauptbahnhof feierlich eröffnet und am 9. November 2018 Hoog Catharijne vollständig nutzbar wurde, ist seit dem 12. September 2020 die Singel in Utrecht wieder komplett offen. Hunderte Boote sind am Eröffnungstag eine Runde um die Utrechter Innenstadt gefahren und haben gefeiert, dass die Stadsbuitengracht, so wie die Singel auch heißt, wieder für den Wassersport offen ist.

Foto und viele Hintergrundinformationen: https://cu2030.nl/page/singel

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